Das Kasseler Flinntheater ist „Krishna’s Elite“ auf der Spur

Immer erreichbar: Konradin Kunze, Lisa Stepf, Abhishek Thapar. Foto: Malmus

Kassel. Am Anfang von „Krishna’s Elite“ steht der Test, der über deine Zukunft entscheidet. Am Anfang bist du also kein Zuschauer, sondern Akteur. Da sitzen sie in drei engen Reihen im Dock 4 vor ihren Laptops und brüten in zehn Minuten über zwölf Logik-Fragen, die es in sich haben. Anschließend kannst du auf einer großen elektronischen Tafel das Ranking sehen: Welchen Platz nimmst du ein? Bist du drin oder draußen, hast du einen der raren Studienplätze am Indian Institute of Management Bangalore, einer der weltbesten Management-Schulen, ergattert? Wirst du Karriere machen, ins Weltgeschehen eingreifen?

In eine unbekannte Sphäre entführt das neue Stück des Flinntheaters, das am Mittwoch nach der Uraufführung am Berliner Theater Hebbel am Ufer in Kassel Premiere feierte. Nach der feierlichen Verkündigung der Ergebnisse geht’s im tif weiter. Beats wummern über die spartanisch ausgestattete Spielfläche. Einige Topfpflanzen, eine Reihe Laptops, mehr braucht der künftige Manager nicht (Bühne: Corinna Thiesen, Musik: Andi Otto). Seit Anshu Jain die Geschicke der traditionsreichen Deutschen Bank leitet, hat der erklärte „Kulturwandel“ des größten deutschen Geldinstituts ein neues Gesicht. Erst ein Schweizer, jetzt ein Inder, wo soll das enden?

Welche Rollen spielen die indischen Elite-Universitäten, welche Strategien und Visionen beherrschen das Handeln ihrer Absolventen? Das Flinntheater geht unter der künstlerischen Leitung Sophia Stepfs und Konradin Kunzes diesen Fragen nach. Sie nennen es Dokumentartheater. Es ist quasi alles echt, aus dem Leben gegriffen, verdichtet zwar, aber authentisch und real. Keine Realsatire, obwohl man das bisweilen denken könnte.

Etwa wenn die Professorin in unverständlichem Stakkato ihre Philosophie abspult oder der Student, der Politiker werden will, das hinduistische Friedfertigkeitsideal zelebriert, aber offen bekundet, sich von hoch bewaffneten Sicherheitsschergen bewachen lassen zu wollen. Verlogener geht’s nicht, aber das ist das Fett, das den Kapitalismus schmiert. Es ist eine Collage aus Texten, Zitaten und Tänzen, in denen sich das Rituelle spiegelt wie die Einpeitschung. Die vier Akteure - Kunze, Lisa Stepf, Abhishek Thapar und Lea Whitcher lassen sie zu Wort kommen, geben ihnen Stimme und Kontur: Pankaj Chandra, Ramaya Ranganathan und wie die Studenten und Dozenten alle heißen. Und natürlich Anshu Jain, der gottgleiche Banker, der Messias am Finanzhimmel.

Das vielschichtige Stück wird zu großen Teilen in englischer Sprache gespielt, zum Teil mit Übersetzung. Das ist eine Herausforderung, aber es lohnt sich unbedingt, diese anzunehmen. Lang anhaltender Applaus nach dem überraschenden Schluss.

Wieder am Freitag, 20.12., 20.15 Uhr. Teil 1 Dock 4, Teil 2 tif.

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