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Künstler bringt Emil Noldes Farbrausch ans Ende

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Von: Bettina Fraschke

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Emil-Nolde-Original mit Farbfilter-Glas: Künstler Mischa Kuball steht vor dem Gemälde „Der Herrscher“ von 1914, vor das er eine Scheibe gestellt hat, die Farbwerte entzieht (dichroitisches Glas).
Emil-Nolde-Original mit Farbfilter-Glas: Künstler Mischa Kuball steht vor dem Gemälde „Der Herrscher“ von 1914, vor das er eine Scheibe gestellt hat, die Farbwerte entzieht (dichroitisches Glas). © DIETER SCHACHTSCHNEIDER

Schau „Nolde / Kritik / documenta“ im Kasseler Fridericianum reflektiert den Umgang mit Emil Nolde. Künstler Mischa Kuball verzichtet in seiner Rauminstallation allerdings auf Erklärungen. So ist das Konzept kaum verständlich.

Kassel – Was bleibt vom Kunststar, wenn ihm die Farben entzogen werden – seine Spezialität, das Suchtmittel, an dem sich die Fangemeinde berauschen möchte? Der Düsseldorfer Konzeptkünstler Mischa Kuball probiert es aus: In der Ausstellung „Nolde / Kritik / documenta“ im Fridericianum zeigt er Werke Emil Noldes, eines der populärsten Maler des 20. Jahrhunderts. In schwarz-weiß und hinter Scheiben, die die Originale verfremden. Derartige Blicke durch einen Filter sollen darauf verweisen, dass das Nolde-Bild seit Jahren bröckelt. Verherrlichung? Geht nicht mehr, seit weithin bekannt ist, dass Emil Nolde (1867-1956) Hitler-Fan und Antisemit war.

In Zusammenarbeit des documenta-Archivs, der Draiflessen Collection und der Nolde-Stiftung mit Mischa Kuball ist die Schau entstanden, die auch die Zukunft des documenta-Archivs aufzeigen soll, so Direktorin Birgitta Coers: Das Archiv kann immer wieder neu konsultiert werden, Rechercheprojekte können in Rauminstallationen münden, aus dem Archiv können anregende Ausstellungen generiert werden.

In drei Räumen im Erdgeschoss des Fridericianums befragt Mischa Kuball weniger Nolde selbst als die Nolde-Rezeption. Unter besonderer Berücksichtigung Werner Haftmanns, der den Mythos Noldes als von den Nazis verfolgter Künstler geprägt und die documenta dafür genutzt hat: 1955, 1959 und 1964 war der Expressionist vertreten. Je ein Installationsbereich widmet sich diesen Ausstellungen. Zwei Gemälde und vier Aquarelle sind im Original zurück in Kassel. Die Aquarelle gehören zu einer Reihe, die mythosgerecht „Ungemalte Bilder“ hieß. Die kleinformatigen Werke werden inmitten von schwarz-weißen Reproduktionen als ganze Serie in einer ähnlichen Hängung präsentiert, wie sie auf der documenta 3 zu erleben waren. Das zeigt ein kleines Foto auf dem Begleitzettel zur Ausstellung.

Forschung im Archiv

Mischa Kuball hat im documenta-Archiv geforscht, Foto-Collagen und Videos seiner Materialbearbeitung zeigt die Ausstellung. Fünf ethnografische Figürchen aus Noldes Privatbesitz hat Kuball durch einen Computertomografen geschickt. Auf einer raumhohen Wand sind wie beim Arzt vor dem Leuchtkasten die Aufnahmen mit den Querschnitten durch die Figuren zu sehen – ein Kommentar zur Debatte um den Umgang mit Kunst anderer Kulturen, der auch auf einer Außenprojektion auf eine Seitenwand des benachbarten Roten Palais (Modehaus Sinn) zu erleben ist.

Dazu passt Kuballs Bezugnahme auf den Kunsthistoriker Aby Warburg (1866-1929), der sich damit beschäftigt hat, welche Bildthemen und Muster sich von der Antike bis in die Gegenwart wiederholen. Collagen mit Warburgs Bildatlas an den Wänden treten mit den Nolde-Verfremdungen in einen Dialog. Auch ein Brief Warburgs mit einer heftigen Kunstkritik an Emil Noldes Umgang mit dem „Wilden“ reiht sich in diese Themenwelt ein.

Die Rechercheelemente ergeben einen überzeugenden Raumeindruck, es ist lohnend, das Projekt am authentischen Ort ansehen zu können, da, wo der Mythos Nolde an Fahrt gewann.

An dem Brief zeigt sich allerdings das Problem der Ausstellung: Es gibt keinerlei Erklärtexte, der Brief steht ohne Autor da, er wird ebenso wenig eingeordnet wie die Bilder, die Archivcollagen oder die Tableaus aus dem Bildatlas. Ein frugaler Begleitzettel liefert lediglich Werkangaben. Der konzeptuelle Überbau bleibt den Besuchern, die einfach durch die Schau schlendern, somit verschlossen. Das ist bei einer Rechercheausstellung, die viele gedankliche Bezüge herstellen will, recht unbefriedigend. Kuball verweist beim Pressetermin darauf, dass Vermittlungsangebote geplant sind und sagt, er freue sich, „wenn es auch ein Stück weit Enttäuschung gibt“.

Bis 19. 2, Fridericianum. Katalog für 42 Euro

documenta-archiv.de

Von Bettina Fraschke

Recherchen in Video und Bildtafeln: Blick in die Ausstellung.
Recherchen in Video und Bildtafeln: Blick in die Ausstellung. © Schachtschneider, Dieter

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