Kasseler Komik-Auszeichnung für Dieter Hildebrandt: "Meister präziser Pointen"

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Dieter Hildebrandt

Kassel. "Wäre ich ein Schiff, müsste ich in die Werft", hat Kabarettist Dieter Hildebrandt vor wenigen Tagen zu seiner Absage beim Festival Sommer im Park in Vellmar gesagt. Er müsse zu "Reparaturarbeiten" ins Krankenhaus und kann Anfang September dort nicht auftreten.

In gewisser Weise ist Dieter Hildebrandt natürlich schon ein Schiff: Er ist der gewichtige Tanker des deutschen Kabaretts. Und das Lotsenschiff, dem eine ganze Generation politisch-kabarettistischer Finger-in-die-Wunde-Leger stilistisch und thematisch gefolgt ist.

Die Stadt Kassel und die Stiftung Brückner-Kühner würdigen den 86-jährigen Satiriker, Schauspieler und Fernsehstar mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Hildebrandt bekommt die Auszeichnung am 15. Februar im Kasseler Rathaus. Laudator ist Roger Willemsen. Die "Werftpause" ist dann hoffentlich lang vorbei.

"Dieter Hildebrandt hat mit seinem Wort und seinem Humor unser politisches Bewusstsein geschärft."

Jurybegründung

Der Stiftungsrat würdigt Hildebrandt als "das A und O satirischer Gesellschaftskritik in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland." Der Preis ehre Hildebrandt insbesondere für seine Verdienste um das literarisch Komische. So sei der Autor und Filmkünstler "ein Meister geistreicher Sottisen, entfesselter Abschweifungen und präziser Pointen, ein Virtuose der Begriffsverdrehung und der kunstvoll gebrochenen Sätze". Er liefere ein unerreichtes Muster kabarettistischer Sprachkunst. Die Jury kommt zu dem Fazit: "Wie kaum ein anderer hat Dieter Hildebrandt mit seinem Wort und seinem Humor unser politisches Bewusstsein geschärft."

Der Niederschlesier Hildebrandt aus Bunzlau wurde noch vor Kriegsende eingezogen und kam in amerikanische Gefangenschaft, vor einigen Jahren gab es Wirbel um einen Aufnahmeantrag zur NSDAP von 1944, den Hildebrandt nach eigenen Angaben nicht wissentlich gestellt hat.

Er studierte Literatur-, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte, brach aber eine Promotion ab und wechselte auf die Schauspielschule. 1956 gründete Hildebrandt mit Sammy Drechsel die Kabarettgruppe Münchner Lach- und Schießgesellschaft, die bis 1972 bestand. Es folgten die TV-Sendungen "Notizen aus der Provinz" und von 1980 bis 2003 "Scheibenwischer", über Jahrzehnte die Institution des politischen Kabaretts in Deutschland, auch wenn die Sendung stets als etwas einseitig SPD-nah galt. Dazu kamen Film- und Serienauftritte etwa in "Kir Royal".

Schon über 80 Jahre alt war der mit seiner zweiten Frau in Waldperlach nahe München lebende Vater zweier Töchter, als er mit Shows durch Deutschland zu touren begann und seine Arbeit zudem in virtuelle Welten verlegte: Er gründete den Internet-Kanal störsender.tv. Eigenwerbung: "Für alle, die sich nicht abfinden wollen."

Von Bettina Fraschke

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