Kasseler Kunstverein eröffnet erste Ausstellung nach Rückkehr ins Fridericianum

Kostbarer Abfall: Ineinander verschmolzenes Meißner Porzellan, ausgestellt von Anselm Reyle.

Kassel. Sieben Motorräder hat Florian Slotawa ins Erdgeschoss des Museums Fridericianum gestellt, in dem der Kasseler Kunstverein, zurückgekehrt aus seinem Ausweichquartier während der documenta, seine angestammten Räume bezogen hat.

Mit „schön komplex schön“ eröffnet er am Freitag, 19 Uhr, das Programm 2013. Beteiligt sind neben Slotawa Anselm Reyle, der zuletzt in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt hat, Max Frisinger und Jan Scharrelmann.

Slotawas Motorräder - unterschiedliche Fabrikate und Modelle - sind alle mit mattgrüner Farbe überzogen, der gleichen, die vor Jahren sein erstes Auto hatte. Aufnahmen der Motorräder hängen, vor weißem Hintergrund sachlich-nüchtern wie irgend möglich fotografiert, ebenso in der Schau wie Bilder dieses uralten VW Golf und anderer Gegenstände aus dem Besitz des Kasseler Kunsthochschul-Professors.

Immer gehe es in der Kunst um drei Ebenen: Form, Inhalt und Funktion, erläutert Bernhard Balkenhol, der die Ausstellung - die letzte des scheidenden Vorsitzenden des Kunstvereins - mit Werner Demme kuratiert hat. Slotawa wolle diese drei Ebenen „gegeneinander verschieben“, er untersuche, wie die Aneignung von Objekten vonstatten gehe, wie ihnen Bedeutung zugeschrieben werde - und auch seine Rolle als Künstler: Slotawa zieht sich zurück, er hält sich raus, trotzdem ist der biografische Hintergrund präsent.

Tatsächlich eröffnen Slotawas Arbeiten - das haben sie mit den anderen gemein - ein Spiel von Referenzen, Differenzen, Anspielungen und Erinnerungen. Die Motorräder etwa sehen aus wie eben abgestellt, als seien die Fahrer auf ein schnelles Bier weggegangen, Jugendliche vielleicht, die sich mit ihrer Clique treffen. Und schon hat man Bilder im Kopf von ungestümer Jugend und Freiheit.

So geht das in der ganzen Ausstellung, wo Bezugssysteme aufgezeigt und gleichzeitig infragegestellt werden, wo mit Remakes und Recycling, Illusionen und Zitaten gespielt wird, „wo Kontexte befragt werden, neu erblühen und Assoziationen wild wuchern“, wie Balkenhol sagt. Etwa bei Anselm Reyles Vitrine mit lauter missglücktem Meißner Porzellan, „teuer wie ein Einfamilienhaus“ (Balkenhol): Ein ganzer Berg kaputtes Geschirr, der im Block gebrannt und sorgfältig bemalt wurde wie wertvolle Einzelstücke. Sofort denkt man an Kriegszerstörungen, Trümmer, Ruinen, Vertreibung. So funktioniert es beim Skulpturengarten aus zerschlagenen gusseisernen Heizkörpern von Max Frisinger („Buderus“) oder Scharrelmanns Skulpturen. Manche sehen aus wie rostige Richard-Serra-Werke, bestehen aber aus Styropor. Die Künstler spielen mit dem Material, legen den Prozess der künstlerischen Produktion offen.

Was schön sei, leicht und verständlich, sei der Kunstwelt oft verdächtig, ergänzt Balkenhol - weil nicht ernsthaft, tiefgründig, didaktisch genug. Auch das ist Thema: Die Porzellan-Vitrine ist schön, aber setzt komplexe Assoziationen in Gang. Und sie ist schön, aber eigentlich nichts anderes als Abfall.

Von Mark-Christian von Busse

Eröffnung Freitag, 22.2., 19 Uhr. Bis 28.4., Di bis So 11-17 Uhr, Do 11-20 Uhr, feiertags geöffnet. Eintritt: 4 (2) Euro, Führungen für Gruppen n.V., Tel. 0561/771169, www.kasselerkunstverein.de

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