Kasseler Kunstverein: Poesie einer Laserprojektion

Blickt in den „rechnenden Raum“, der die digitale Logik offenlegt: Ralf Baecker.

Kassel. Kunst ist, wenn die Maschine läuft: Ralf Baecker hat die faszinierende Ausstellung "The Paradox of Knowing Universals" im Kasseler Kunstverein eingerichtet.

Mit riesigen, beweglichen Skulpturen ist der Schweizer Jean Tinguely (1925-1991), dreimal zur documenta eingeladener Hauptvertreter kinetischer Kunst, bekannt geworden. Ralf Baecker, der seine erste Einzelausstellung im Kasseler Kunstverein eingerichtet hat, ist eine Art Tinguely des 21. Jahrhunderts. Kunst passiert, wenn die Maschine läuft, war dessen Devise.

Auch bei Baecker rattert, knackt, surrt, leuchtet und rauscht es, wenngleich sehr leise, und der Absolvent der Kölner Kunsthochschule für Medien baut ebenfalls fragile Gerätschaften und Apparaturen mithilfe von Motoren, Schnüren oder Gummibändern.

Allerdings integriert er weder fantasievolle Drahtgeflechte noch Schrott-Fundstücke, sondern Siliziumkarbid-Kristalle (Rohmaterial aller digitalen Geräte), Elektronik, Plexiglas, Laser, Magnetometer oder Geiger-Müller-Röhren, die als Detektoren die natürliche Hintergrundstrahlung der Erde aufzeichnen, in seine „poetischen Maschinen“. Avancierteste Technologie also.

Kam es Tinguely auf Witz und Esprit an, schafft Baecker Systeme, die gewissermaßen völlig emotionslos für sich selbst agieren oder sich beeinflussen, vielleicht versuchen, ein Gleichgewicht herzustellen (der Fachmann spricht vom Homöostat), die aber nicht auf Interaktion angewiesen sind. Die Betrachter (auf deren Kommunikation untereinander auch Baecker hofft) staunen über die Präzision der aufwendigen Aufbauten, denen monatelanges Experimentieren vorausgeht, über die ästhetisch ansprechenden Prozesse, die schöne „Zeichnungen“ ergeben. Aus den geschlossenen Rückkopplungsschleifen bleiben sie aber im Grunde ausgeschlossen.

Man müsse die Funktionsweise auch nicht genau verstehen, beteuert Baecker, der aus Düsseldorf stammt und Informatik studiert hat, ehe er zur Kunst wechselte. Man könnte ihre Komplexität an dieser Stelle auch kaum exakt erklären.

Wichtig ist, was der 38-Jährige im Sinn hat. Er übersetzt, was als abstrakte Vorgänge hinter den Abdeckungen unserer Tablets, Smartphones oder TV-Geräte verborgen ist, in dreidimensionale Konstruktionen: Digitale Operationen werden mechanisch ausgeführt, Algorithmen in Bilder transformiert. Eine Verräumlichung, Verkörperung digitaler Prozesse, die wir sonst nicht wahrnehmen, uns kaum vorstellen können. So legt er Mechanismen der Informationstechnologien offen, ob bei den Suchanfragen von Google oder beim Löschen unliebsamer Bilder auf Facebook. Auch an die soziologische Systemtheorie kann man denken. Was, wenn der Zufall Systeme im Gleichgewicht durcheinanderwirbelt? Was, wenn sich Technologien, etwa künstliche Intelligenz, verselbstständigen, außer Kontrolle geraten?

Der Kasseler Kunstverein setzt mit dieser anspruchsvollen, aber faszinierenden Schau seinen Schwerpunkt zu Phänomenen und Folgen der Digitalisierung und digitalen Kultur eindrucksvoll fort.

Service

Die Ausstellung „The Paradox of Knowing Universals“ ist bis 3. Juli im Kunstverein im Fridericianum, Friedrichsplatz, in Kassel zu sehen, mittwochs bis sonntags 11 - 18 Uhr. Eintritt 4 (2) Euro. Führungen samstags (21.5., 4./18. Juni , 2. Juli) 14 Uhr. Umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Workshops und Performances. Künstlergespräche am 22. Mai, 15 Uhr, mit Verena Friedrich und am 15. Juni, 18 Uhr, mit Georg Trogemann. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.kasselerkunstverein.de

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