Kasseler Literaturpreis: Ehrung für Dieter Hildebrandt

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Ehrung eines großen Kabarettisten: Renate Hildebrandt (von links), Oberbürgermeister Bertram Hilgen, Zeichner Dieter Hanitzsch sowie für die Stiftung Brückner-Kühner deren Vorsitzender Walter Pape und Geschäftsführer Friedrich W. Block. Foto: Zgoll

Anstelle ihres im November gestorbenen Mannes nahm Renate Hildebrandt den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor entgegen. Kabarettist und Schauspieler Dieter Hildebrandt wurde in einer Feierstunde als Meister des scharfen und genauen Wortes gewürdigt.

Kassel. Es war auch ein Abend starker Gesten. Renate Hildebrandt nahm, ehe sie sich am Freitag im Palais Bellevue ins Goldene Buch der Stadt Kassel eintrug, eine Nelke von der Tischdeko und legte sie vor das Bild, das ihren Mann, den im November gestorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt, bei seinem letzten Auftritt zeigt. Als sie später den Kunsttempel betrat, wo in einer Ausstellung von Dieter Hanitzschs Illustrationen seiner Bücher auch drei Beiträge Hildebrandts für die Internet-Satireseite „stoersender.tv“ laufen, strich sie ihm im Vorbeigehen zärtlich übers Gesicht auf dem Bildschirm.

Die Vergabe des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor ist gewöhnlich ein Großereignis mit 400 Gästen im Kasseler Rathaus. Nach dem Tod Hildebrandts - der die Kasseler Auszeichnung noch mit Freude registrierte - gab es diesmal eine Feier in kleinem Rahmen im Brüder-Grimm-Museum, musikalisch gestaltet mit Titeln des von Hildebrandt geschätzten Django Reinhardt durch Christine Weghoff (Akkordeon) und Franz Brinkmann (Gitarre).

Walter Pape, Vorsitzender des Brückner-Kühner-Stiftungsrates, würdigte das „unerreichte Muster kabarettistischer Sprachkunst“. Im Sinne Tucholskys, für den Sprache eine Waffe war, der forderte: „nicht schludern, nicht labern“, habe Hildebrandt eine geschliffene Sprache benutzt. Grotesker Humor sei immer auch politisch, sagte der Kölner Literaturprofessor, Lachen immer auch ein Zeichen der Vernunft: „Lachen heißt auch Erkennen.“ Es untergrabe, bedrohe Autoritäten.

Oberbürgermeister Bertram Hilgen drückte dessen Verdienst so aus: Er habe „vielen den Sinn dafür geschärft, dass auch in einem demokratischen Rechtsstaat das eine oder andere anfängt, faul zu werden, zu stinken“.

Hildebrandts Gestik beschrieb Fadumo Korn, als Nomadenkind in Somalia aufgewachsen, heute Vorsitzende der Initiative Nala, die sich gegen die Genitalbeschneidung von Mädchen einsetzt. Mit 16 sah sie, ohne Sprachkenntnisse zur ärztlichen Behandlung nach Deutschland gekommen, bei ihrer Gastfamilie den Kabarettisten im Fernsehen: „Ich glaube, der schimpft Politiker aus.“

Renate Hildebrandt, früher Renate Küster, selbst Schauspielerin und Synchronsprecherin und mit ihrem späteren Mann auch in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft aufgetreten, spendet das Preisgeld, aufgeteilt an den Verein Nala, das Berliner Gripstheater und das Kinder-Literaturfest Lesen.Hören in Mannheim. Ihr Mann habe viele Preise erhalten, sagte Renate Hildebrandt, „aber das ist einer der Schönsten“ - die aus Kassel stammende Künstlerin E.R. Nele hat die Plastik einer geflügelten Schnecke geschaffen, passend zum Preis ein groteskes Wesen. An den Oberbürgermeister gewandt, sagte Hildebrandt: „Ich danke Ihnen, dass Sie Ehefrau gesagt haben und nicht Witwe.“

Voll war es dann bei der Vernissage. Sämtliche Originale von Dieter Hanitzschs Zeichnungen zu Hildebrandts Büchern sind im Kunsttempel zu sehen - inklusive des jüngst erschienenen „Letzte Zugabe“. Eine Zeitreise bis in die 80er-Jahre. All die Politikersprüche, „die Rente ist sicher“ und „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, hier sind sie in der Deutung des Karikaturisten versammelt, und Helmut Kohl darf noch mal „Gechichte schreiben“.

Bis 8. Juni, Fr.-Ebert-Str. 177, Fr-So 15-18 Uhr und n.V., Tel. 0561/31 25 60

Hintergrund

Der Kasseler Literaturpreis wurde der Stadt Kassel von der Stiftung Brückner-Kühner, also letztlich vom Autorenehepaar Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner, zum Geschenk gemacht. Er ist mit 10 000 Euro dotiert. Zugesprochen wird er Schriftstellern, deren Werk sich auf hohem künstlerischen Niveau durch Humor, Komik und Groteske auszeichnet. Seit 1985 wurden etwa Loriot, Robert Gernhardt und Gerhard Polt geehrt. 2015 soll es auch wieder einen Förderpreis geben, dessen Vergabe dieses Jahr ausgesetzt wurde. (vbs)

Von Mark-Christian von Busse

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