Kasseler Musiktage: Harmonik in Herbstfarben

Clytus Gottwald

Kassel. Ein eindringliches, höchst anspruchsvolles Chorkonzert bot das Vokalensemble Kassel bei den Kasseler Musiktagen.

Kassel. Den trüben Herbst musikalisch aufzuhellen, ist ein schöner Nebeneffekt der Kasseler Musiktage. Beim A-cappella-Chorkonzert des Vokalensembles Kassel in der Martinskirche war der Herbst selbst präsent mit seinen Farben, aber auch mit Gedanken an Vergänglichkeit. Es war ein eindringliches, sängerisch höchst anspruchsvolles Programm, das die 33 Vokalisten unter der Leitung von Eckhard Manz boten. Reizvoll auch, weil sich Bekanntes mit selten Gehörtem und Neuem mischte.

Zwischen 2006 und 2013 entstanden die „Enigma“-Kompositionen des Schweizer Komponisten Beat Furrer (61) auf Dichtungen Leonardo da Vincis. Wie Prophezeiungen für die Jetztzeit lesen sich die (italienisch gesungenen) Texte, in denen davon die Rede ist, dass „Menschen sprechen werden mit einem, der nicht da ist“, die aber auch düstere Warnungen vor der Zerstörung der Wälder durch die Gier des Menschen enthalten.

Faszinierend, welche Plastizität Furrer dieser Dichtung verleiht: mit Mitteln des Sprechgesangs, mit raffinierten Akkordglissandi, mit der räumlichen Trennung der Chorgruppen, mit gewaltigen dynamischen Kontrasten. Zusammengehalten werden die Sätze durch eine fast archaisch wirkende Strenge. Das Vocalensemble zeigte sich unter Manz’ Leitung einmal mehr als Spitzenensemble für neue Musik.

Während Gustav Mahler seine Lieder oft in die Sinfonien hat einfließen lassen, geht der Komponist Clytus Gottwald (90) den umgekehrten Weg. Er entkleidet Mahlers Lieder ihres instrumentalen Anteils und setzt sie für Chor a cappella. Nicht immer gleichermaßen überzeugend. Während das eingangs gesungene Lied „Erinnerung“ sich etwas in seinen harmonischen Wendungen verhakt, beeindruckt das als Selbstbekenntnis Mahlers zu verstehende Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ durch eine von den Mittelstimmen wunderbar belebte ruhige Tiefe.

Eine herbe Note brachten drei der „Zwölf Madrigale“ von Paul Hindemith ins Programm, während bei den Chorsätzen der Romantiker Robert Schumann (aus Romanzen und Balladen op. 145) und Johannes Brahms (Fünf Gesänge op. 104) Letzterer den größten Eindruck hinterließ. Melancholie und Todesahnung in Klaus Groths Gedicht „Im Herbst“ werden in Brahms’ Chorsatz durch die reiche Harmonik in unendlich viele Herbstfarben getaucht. Vom Vokalensemble in wunderbarem Wohlklang dargeboten. Sehr langer Beifall der fast 400 Zuhörer und eine Zugabe.

Von Werner Fritsch

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