Kunsttempel feiert Christine Brückners 90. Geburtstag mit Fotos von Johannes Kühner

Kasseler Niemandsland

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Irrtum in zweierlei Hinsicht: Christine Brückner glaubte 1974, dieses Gebäude werde bald abgerissen. Es steht aber noch heute. Zum anderen ist es nie gewesen, wonach es aussieht – ein Bauernhof - sondern war immer schon ein Wasserwerk. Eine der Aufnahmen von Johannes  Kühner.

Kassel. In ihrem Text „Die Schamzone einer Stadt“ beschreibt Christine Brückner, wie sie im Winter 1974 von der Karlsaue aus in Richtung Süden wandert, über das Lange Feld nach Dennhausen und wieder zurück, durch „ein Niemandsland, ein Allerweltsland“ zwischen Zivilisation und Natur.

Was hat sich dort seither verändert, was ist gleich geblieben? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Fotograf und freie Redakteur Johannes Kühner, Stiefenkel der 1996 verstorbenen Autorin. 37 Jahre später begab er sich auf Spurensuche und dokumentierte die von Brückner beschriebenen Orte in einer Fotoserie, die nun im Kunsttempel zu sehen ist: eine sensible Annäherung an seine Stiefgroßmutter und an die Stadt Kassel, ganz unsentimental und gerade deshalb sehr berührend.

Zur Ausstellungseröffnung an Brückners 90. Geburtstag las die Schauspielerin Claire Buhl-Löscher ihren dichten und detailfreudigen Text. Aber auch spätere Besucher haben die Möglichkeit, Sprache und Fotografie, Damals und Heute, anhand von ausliegenden Zitaten und Erläuterungen zu vergleichen.

„Zur Rechten ein Bauernhof, mitten in Gemüseland gelegen“, schreibt Brückner beispielsweise. „Faulende Kohlköpfe, nicht rechtzeitig vorm ersten Frost geerntet. Bald wird auch das letzte Ackerland verkauft und die Gebäude abgerissen werden. Ein Hof, der dem ,Bauernlegen’ zum Opfer fallen wird.“ Sie hielt das Haus für einen Bauernhof, tatsächlich ist es ein Wasserwerk, zu Kriegszeiten gebaut wie ein Bauernhof, als Tarnung vor den Alliierten.

Ob überwucherte Schuttberge oder Kleingärtnersiedlung: Die Fotos zeigen keine Postkarten-Idylle, keine der „schönen Ecken“, auf die Kassel-Kritiker von Kassel-Verteidigern so gern verwiesen werden. Und doch entfalten diese Bilder eine bemerkenswerte Poesie, ja Schönheit. Sie denunzieren Kassel nicht. Vielmehr lehren sie den Betrachter, genau hinzusehen. Kühners präzise Porträts eines Kasseler Randbezirks schärfen auch den eigenen Blick auf diese Stadt.

Kunsttempel, Friedrich-Ebert-Straße 177, bis 15. Januar 2012, Do - So, 14 - 18 Uhr u. n. Vereinbarung, Tel.: 0561/24304

Von Fabian Fröhlich

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