Die Stadt hat offensichtlich Angst vor einer Anti-Flüchtlings-Welle

Analyse: Der Obelisk wurde ein Opfer der Populisten

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Hier wird er nicht bleiben: Mit dieser Aufnahme des Kasseler Kunstpreisträgers Nicolas Wefers warben die Befürworter des Obelisken für dessen Verbleib auf dem Kasseler Königsplatz.

Kassels Politiker haben über die Zukunft des umstrittenen Obelisken abgestimmt. Die Entscheidung ist ein Einknicken vor den Rechtspopulisten, findet unser Autor. Eine Analyse. 

Der Publizist Helmut Böttiger hat vor Jahren die Höhenflüge und Tiefpunkte der Fußballnationalmannschaft zur Geschichte der Bundesrepublik in Beziehung gesetzt: So wie Günter Netzers wehende Haare und die öffnenden Pässe aus der Tiefe des Raums für die Liberalisierung und Entspannungspolitik Anfang der 70er stünden, sei die blamable WM 1982 mit der „Schande von Gijón“ ein Vorbote für die „geistig-moralische Wende“ mit Helmut Kohls Kanzlerschaft im Herbst ’82 gewesen.

So gesehen passt die Auftaktniederlage von Jogi Löws WM-Auswahl gegen Mexiko zur Zerrüttung der Bundesregierung im Zuge der kontinuierlichen Verschärfung des Asylrechts: Das vor vier Jahren gefeierte Multikulti-Team, beim 7:1 gegen Brasilien und mit dem WM-Titel auf dem Zenit, wirkt heute behäbig und uninspiriert; ausgelaugt wie Angela Merkels nur unter Mühen zustande gekommene, gespaltene Minister-Equipe.

Dass am Montag die Kasseler Stadtverordneten auch noch über die Zukunft des Kasseler Obelisken abgestimmt haben, ist ein geradezu wundersamer Zufall. Bündelt sich doch im umstrittenen documenta-Kunstwerk von Olu Oguibe wie unter einem Brennglas, wie die Stimmung gegenüber Merkels Flüchtlingspolitik gekippt ist.

Die Botschaft

„Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“, der Vers aus dem Matthäusevangelium steht ohne jeden Kommentar auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch auf vier Seiten – für die vier Himmelsrichtungen – auf dem 16 Meter hohen Obelisken. Oguibe, im Osten Nigerias im Bürgerkrieg Ende der 60er-Jahre eines der sogenannten „Biafra-Kinder“, war selbst Flüchtling: Der 53-Jährige lebt heute in den USA. Er versteht seine Botschaft als einfachen, universellen Appell, Fremden beizustehen. Sein Werk über Gastfreundschaft, Offenheit und Toleranz – wobei der Künstler auch von einer Pflicht zur Dankbarkeit der Notleidenden spricht, denen geholfen wird – hat auch historische Bezüge, etwa zur Aufnahme französischer Flüchtlinge: Der Königsplatz wurde 1767 von Simon Louis du Ry entworfen, der aus einer hugenottischen Familie stammte.

Im August 2017 sprechen sich in einer nicht-repräsentativen HNA-Umfrage 2458 Menschen (60,66 Prozent) für den Ankauf des Obelisken aus. Im September erhält Oguibe den mit 10.000 Euro dotierten Arnold-Bode-Preis. Dann dreht sich der Wind.

Künstler Olu Oguibe

Der Protest

Inzwischen erkennen viele im Obelisken einzig das Sinnbild einer vermeintlich verfehlten „Willkommenskultur“. Es ist von besonderer Ironie: Verteidiger des „christlich-jüdischen Abendlandes“ fühlen sich durch ein Jesuswort provoziert. Ein AfD-Stadtverordneter spricht von „entstellter Kunst“, die Partei kündigt an, bei jeder Gewalttat eines Flüchtlings am Obelisken zu demonstrieren. In Internet-Foren laufen Gegner des Kunstwerks Sturm.

Das Prozedere

Die von der Stadt Kassel mit initiierte Spendenaktion für dessen Verbleib erbringt 126.000 Euro. Oguibe hat 600.000 Euro gefordert, akzeptiert aber die erheblich geringere Summe. Im Mai – beim Spendenaufruf war davon nicht die Rede – heißt es plötzlich, der Königsplatz solle frei bleiben für künftige documenta-Kunst, der Standort des geplanten documenta-Instituts am Holländischen Platz soll es nun sein. Das Hin und Her wird zum Desaster, Künstler und Stadt kommunizieren offenbar mehr mit der Öffentlichkeit als miteinander. Verprellt fühlen sich nun auch Obelisk-Befürworter, die für den Königsplatz spendeten.

Oguibe kommt der Stadt zum zweiten Mal entgegen. Sein Kompromissvorschlag: Der Obelisk soll bis zum Bau des Instituts stehen bleiben und nicht zwischengelagert werden. Der SPD aber kann es jetzt nicht schnell genug gehen, ihn loszuwerden. Die CDU ist sowieso für den Abriss. Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle gibt öffentlich keine Bewertung ab, schaltet sich aber hinter den Kulissen ein und gibt Oguibe in einem unserer Zeitung vorliegenden Brief sein Wort, dass sein „wunderbares Kunstwerk“ unverzüglich, noch im Sommer, am Holländischen Platz aufgestellt werde.

Der Beschluss

Ankauf ja, aber Abbau auf dem Königsplatz und Aufstellung (vermutlich) am „Hopla“ – so entscheidet das Stadtparlament. Bis 30. Juni soll mit Oguibe entsprechend verhandelt werden. So wie eine 14-Tage-Frist das Merkel-Seehofer-Zerwürfnis nur eingefroren hat und die Kanzlerin auf europäischer Ebene schnelle (und unwahrscheinliche) Erfolge erzielen soll, sind Kulturdezernentin Susanne Völker und OB Geselle gefordert, den Künstler umzustimmen. Oguibe wird die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn er nicht einlenkt, wird er für das Scheitern verantwortlich gemacht.

Die Wirkung

Die Haltung zu documenta-Kunst ist nie nur eine lokale Angelegenheit, längst begleiten überregionale Medien bis in die USA die Kasseler Diskussion. Für viele Beobachter – auch für Oguibe selbst – stellt es sich so dar, dass die Stadtverordneten den Obelisken abschieben, weil sie vor einer populistischen Anti-Flüchtlings-Welle einknicken. Die AfD kann symbolische und handfeste Raumgewinne feiern. „Äußerst peinlich“ nennt Hans Eichel (SPD), früherer Oberbürgermeister, Ex-Bundesfinanzminister und am Montag einer der Demonstranten auf dem Königsplatz, im HR die Vorstellung, dass der Obelisk verschwindet.

Die Rathaus-Fraktion seiner Partei hat das letztlich offen gelassen. Und in Kauf genommen, dass Kassels Ruf als documenta-Stadt beschädigt werden könnte. Welcher Museumsleiter soll sich bei einem solchen Umgang mit documenta-Künstlern bereit erklären, sich in einer Findungskommission für den Leiter der documenta 15 zu engagieren?

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