Heute, 20.15 auf arte

Kasseler Regisseur verfilmte Bombardement von Kunduz

Raymond Ley

Bis zu 142 Menschen könnten nach Schätzungen gestorben sein, als am 4. September 2009 in Afghanistan auf Befehl von Bundeswehroberst Georg Klein zwei Tanklastzüge bombardiert wurden. Der aus Kassel stammende Filmemacher Raymond Ley hat die Ereignisse rekonstruiert und als Dokudrama verfilmt.

Herr Ley, wie filmt man Krieg?

Raymond Ley: Extrem physisch. Wir zeigen bewusst die Soldaten, die ohne aufgesetzten Idealismus dort ihren Dienst tun.

Neben den einfachen Soldaten stehen auch die Führungskräfte in Kunduz unter Druck.

Ley: Ebenso die afghanische Bevölkerung. Wir erzählen vom Schicksal eines Jungen, der von der Taliban rekrutiert wird und sich schließlich in die Luft sprengt. In Kunduz prallen alte und neue Welten ungebremst aufeinander.

Hatte Oberst Klein letztlich keinen genauen Überblick?

Matthias Brandt als Oberst Georg Klein in einer Szene des Fernsehfilms "Eine mörderische Entscheidung"

Ley: Nein, er zögerte und trotzdem entschied er sich dafür, zu bombardieren. Obwohl er wusste, dass bei solchen Ansammlungen gewöhnlich mit Zivilisten zu rechnen ist.

Das Verhältnis von Spiel- und Interviewszenen ist hier stärker Richtung Spielszenen verschoben. Warum?

Ley: Oberst Klein gab uns kein Interview. So mussten wir unsere fiktionale Ebene stärken.

Hat er sich bei Ihnen gemeldet?

Ley: Nur seine Anwälte haben uns in seinem Namen geschrieben und nochmals drauf hingewiesen, dass alle Prozesse gegen ihn eingestellt sind.

Wie haben Sie Spielszenen, Interviews und Protokolle aus dem Untersuchungsausschuss zusammengebracht?

Ley: Das ist viel Tüftelei im Schneideraum. Wir haben die Einarbeitung von O-Tönen, das Gewicht von Moral, Angst und fataler Entscheidung austariert. So entstand unsere Haltung zum Thema.

Welche?

Ley: Wir urteilen nicht. Dennoch verdeutlichen wir: Fehlentscheidung. Der Oberst sagt am Ende unseres Filmes: Wir haben 65 Taliban erwischt, wenn Zivilisten da waren, selber schuld. Ein zynisches Fazit. Trotzdem wollen wir den Zuschauer durch Kleins Motivlage führen.

Hätte er in der Nacht überhaupt die Wahl gehabt?

Ley: Sicher. Er hätte sagen können, wir blasen alles ab und schauen, was morgen ist. Aber die Tanklaster steckten schon seit Stunden fest. Deutsche Soldaten waren nicht vor Ort. Dass Klein in der Nacht mit Truppen in Gefahr argumentiert hat, ist fatal.

Ihnen liegen die Gespräche der amerikanischen Piloten, die schließlich bombardierten, im Original vor. Auch die der Piloten untereinander oder nur deren Kommunikation mit den Offizieren um Oberst Klein?

Ley: Beide. Ich wollte die Piloten sehr präsent im Film haben, weil diese keine unmittelbare Bedrohung an den Tanklastern erkennen konnten.

Auch der echte Oberst Klein ist kurz zu sehen. Wie ist Schauspieler Matthias Brandt mit seiner Rolle des Oberst umgegangen?

Ley: Die Bundeswehr besteht nicht aus kriegslüsternen Kommissköppen. Das sind auch zaudernde Beamte, Karrieristen wie in jedem Job. Das war ein Aspekt bei der Darstellung: Normalität. Angst. Versagen. Wie wollte sich Klein bewähren? Darüber haben wir viel gesprochen.

Was ist Ihr Ziel mit dem Film?

Ley: Wir führen den Zuschauer durch viele Gefühlslagen: Hat Klein recht oder unrecht? Vielleicht waren der Tod des deutschen Soldaten Sergej, der kurz zuvor in Kunduz starb, und die ständigen Bedrohungen des deutschen Lagers Motive für den fatalen Bombenabwurf. Die Zuschauer sollen sich die Frage stellen: Wie hätte ich entschieden an diesem 4. September 2009?

Von Bettina Fraschke

Der Film wird am Mittwoch, 4. September, 20.15 Uhr, in der ARD wiederholt.

Zur Person

Raymond Ley (54) ist in Kassel geboren, wo er auch Film studierte. Seit 1984 arbeitet er als Filmemacher. Zu seinen Fernsehfilmen gehören „Die Nacht der großen Flut“ (2005), „Eschede Zug 884“ (2008) und „Eichmanns Ende. Liebe, Verrat, Tod“ (2010). Ley lebt mit seiner Frau und ihren drei Kindern in Berlin.

Hintergrund: Die Katastrophe von Kunduz

3.9.2009: Zwei Tanklaster werden sieben Kilometer vom Bundeswehr-Camp bei Kunduz entfernt durch Taliban entführt und bleiben in einem Flussbett stecken. Anwohner kommen, um Benzin abzuzapfen. 4.9.: Zwei von Bundeswehroberst Georg Klein angeforderte US-Flugzeuge der Nato bombardieren die Laster, obwohl die Piloten Bedenken äußern.

Klein bleibt aber bei seinem Befehl. Das Verteidigungsministerium spricht von 50 getöteten Taliban. 29.9. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan spricht nach Vorlage des Nato-Untersuchungsberichts von bis zu 142 Toten, darunter auch Zivilisten. 19. 4. 2010: Die Ermittlungen gegen Oberst Klein werden eingestellt. Am 3.4.2013 wird er zum Brigadegeneral befördert.

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