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Kasseler Staatsorchester spielt fesselnde Sibelius-Sinfonie

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Unter der Leitung von Otto Tausk: Das Staatsorchester Kassel in der Stadthalle.
Unter der Leitung von Otto Tausk: Das Staatsorchester Kassel in der Stadthalle. © Andreas Fischer

Werke von Wagenaar, Britten und Sibelius spielte das Kasseler Staatsorchester beim Sinfoniekonzert in der Stadthalle. Es dirigierte der Niederländer Otto Tausk.

Kassel – Der Weltliterat und der Komponist – eine spannende, wenngleich heikle Geschichte. „Sensitiv, klug, originell“: So nannte Thomas Mann die Musik Benjamin Brittens, als er sie 1948 via Schallplatte kennenlernte. Mehr als zwei Jahrzehnte später schrieb Manns Sohn Golo an den Engländer: Sein Vater pflegte zu sagen, falls es jemals zu einer musikalischen Illustration des Romans „Doktor Faustus“ käme, sei er der richtige dafür. Zwar hat Britten diesen Roman nicht vertont. Er machte aber Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ zum Thema seiner letzten Oper.

Eine Suite aus diesem Werk erklang am Montag beim Kasseler Sinfoniekonzert, das trotz der ungünstigen Umstände stattfand. Die Generalprobe am Vormittag musste aufgrund des Eisregens ausfallen. Die Stadthalle war dann jedoch nicht so gut besucht, wie es sonst bei den Sinfoniekonzerten der Fall ist. Schade, denn der Gastdirigent Otto Tausk überzeugte genauso wie das Staatsorchester Kassel.

Der viel gefragte Niederländer – Musikdirektor des Vancouver Symphony Orchestra – legt gleich anfangs ein hohes Niveau an Energie vor. Klar und bestimmt formt Tausk ritterliche Charaktere, aber auch solche, die von zarter Liebe und Poesie künden. Es erklingt die 1905 entstandene Ouvertüre „Cyrano de Bergerac“ des niederländischen Komponisten Johan Wagenaar. Ein wirkungsvolles Stück, das nur einen Haken hat: Die Stilistik erinnert an den doch besseren Richard Strauss, zumal an die Tondichtung „Don Juan“.

Der unverwechselbare Stil Brittens folgt darauf mit der Suite aus „Death in Venice“, die Stuart Bedford zusammengestellt hat. Ohne die tragende Tenorpartie des Gustav von Aschenbach wird der morbide Trip in die Lagunenstadt zur Opernsinfonie. Atmosphärisch wie verstörend unheimlich. Aschenbach verliebt sich in einen Knaben – eine pädophile Neigung, die auch der Komponist hatte. „Für Britten“, schreibt der Musikschriftsteller Alex Ross, „war es nicht so leicht, über Aschenbachs Lage zu schmunzeln, denn sie kam seiner eigenen gefährlich nahe.“ Eine von der indonesischen Gamelanmusik inspirierte Klangwelt zeigt die Sphäre des Jünglings Tadzio an: Es gibt sechs Spieler an Pauken sowie Vibrafon, Glockenspiel, Marimbafon, Crotales und weiteren Instrumenten. Toll gespielt, fasziniert das zweifellos feinsinnig komponierte Werk, auch wenn seine Thematik unangenehm berührt.

Eindrucksvoll gerät nach der Pause die Sinfonie Nr. 1 e-Moll von Jean Sibelius. Ohne eine literarische Vorlage zu bemühen, erzählt der finnische Komponist eine fesselnde Geschichte. Leise und klagend hebt sie an – mit dem ausdrucksstarken Klarinettensolo von Fidelis Edelmann. Doch dann nimmt die Musik mächtig Fahrt auf. Dirigent Tausk schärft die Kontraste, und das Orchester spielt mit sehrender Intensität. In dunklen Farben glüht diese pathetische Tonsprache, die sowohl treibende Energie und scharfe Kanten als auch weite Melodiebögen kennt. Das Publikum war schwer angetan. Großer Beifall.

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