Kasseler Staatsorchester spielte: Karfreitag wurde ins Dunkel geleuchtet

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Gesungene Gebete: Bariton Armin Kolarczyk (Mitte) war unter der Leitung von Francesco Angelico (rechts) der gefeierte Solist bei Luigi Dallapiccolas „Preghiere“.

Kassel. In der ausverkauften Kasseler Stadthalle überzeugte Kassels neuer Generalmusikdirektor Francesco Angelico, der sein Orchester zu neuer Konzentration führt. Langer Beifall.

Es ist eine Kasseler Tradition, den Karfreitag auch außerhalb des kirchlichen Rahmens mit einem Sinfoniekonzert in der Stadthalle zu begehen. Und damit den Passionsgedanken in einen säkularen Raum zu stellen. Wie eindrucksvoll dies gelingen kann, war an diesem Karfreitag beim Konzert unter der Leitung des neuen Generalmusikdirektors Francesco Angelico in der ausverkauften Kasseler Stadthalle zu erleben.

„Preghiere“ (Gebete) nennt der italienische Komponist Luigi Dallapiccola seine drei 1962 uraufgeführten Lieder für Bariton und ein bläserdominiertes Kammerorchester. Die Gedichte des brasilianischen Lyrikers und Humanisten Murilo Mendes können als Gebete ohne sicheren Adressaten gelten, wenn er anfangs das „dunkle Leben“ anruft.

Dallapiccola, ein Serialist, bringt die Differenziertheit, aber auch die Klarheit der frühen Avantgarde zusammen mit einem atmenden Klang und gesanglichen Linien, die von Gastsänger Armin Kolarczyk ebenso delikat wie eindringlich gestaltet wurden – bis hin zum gesprochenen „Crocifisso“, der Ansprache an den Gekreuzigten. Mit hoher Konzentration gestalteten Angelico und das solistisch besetzte Staatsorchester Dallapiccolas filigrane, am Ende aber auch wuchtige Musik.

Als abgeklärt und hell gilt Anton Bruckners eher selten aufgeführte sechste Sinfonie. Wie wenig solchen Zuschreibungen zu trauen ist, zeigte die Interpretation, die Francesco Angelico und das Staatsorchester boten. Irritierend schon der Beginn mit dem an Morsezeichen erinnernden Rhythmus in den Violinen, dunkel und in der Wiederholung drohend das erste Thema, das durch das sehnsuchtvolle zweite Thema der Streicher kaum besänftigt wurde. Es zeigte sich: Angelico ist ein Dirigent, ein Musiker, der tief gräbt, sich nicht mit Oberflächenreizen zufrieden gibt. Auffällig: Das Staatsorchester hat unter ihm eine neue Konzentration gewonnen, eine starke Präsenz – und auch eine gewaltige Durchschlagskraft, die jedoch nie ins Formlose ausbricht.

So ist auch das lange Adagio – Kernsatz der Sinfonie – keineswegs ein Ort ungetrübter Ruhe und milder Wärme, auch wenn das von den Streichern vorgetragene zweite Thema pure Schönheit verspricht. Mal sind es drohend-dunkle Bass-Pizzicati, mal Seufzerketten der Holzbläser, die, von Angelico akzentuiert, die Idylle untergraben.

Und auch das Scherzo mit seinem ruhelosen triolischen Rhythmus, vor allem aber das Trio mit seinen Streicher- und Hörnerkaskaden hatte eher etwas von Schauerromantik. Erst das Finale (nicht Bruckners stärkster Satz) mit seinen bekräftigenden Motivwiederholungen und seiner gewaltigen, von Blechbläsern getragenen Apotheose erzwang doch eine Art Happy End.

Langer, intensiver Beifall belohnte alle Beteiligten.

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