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Kasseler Staatstheater: Die Vordenker der Oper

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Von: Bettina Fraschke

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Chefdramaturg: Kornelius Paede.
Chefdramaturg: Kornelius Paede. © Marina Sturm

Das Dramaturgie-Team im Musiktheater will Besuchshindernisse abbauen. Unter Leitung des Chefdramaturgen Kornelius Paede arbeiten die Mitarbeiter daran, die ungebrochene Kraft des Genres Oper zu vermitteln und dabei die Besucher aktiv mitwirken zu lassen. Sie sollen sich in ihren Anliegen ernst genommen fühlen.

Kassel – „Wir sind hier die Nerds“, sagt Chefdramaturg Kornelius Paede im Namen seines Teams im Musiktheater und versteht darunter den Wunsch, unaufhörlich Fragen zu stellen und neue Perspektiven kennenzulernen. Grenzenlose Wissbegierde. Mit ihren Ansätzen einer zeitgenössischen Lesart sorgt die Musiktheatersparte am Kasseler Staatstheater immer wieder für Aufsehen. Zudem ergänzen die Dramaturgen ihr Nachdenken über Oper mit einer Tagungsreihe, in der Wissenschaftler, Regisseure und Künstler eingeladen sind. Warum fasziniert Oper auch im 21. Jahrhundert? Und warum bleibt sie wichtig?

Gattung

Für Paede ist die Grundfrage: „Warum erzählt man etwas mit Musik, man könnte ja auch einfach darüber sprechen?“ Ihn fasziniert an der Gattung Oper die Art, wie mit kompositorischen Bögen Gefühle gelenkt werden und große Emotionen entstehen, an die Zuschauer andocken können. Zugleich ist singen „das Unrealistischste, was man machen kann, wenn man Gefühle ausdrückt“ – und zum Beispiel parallel kämpft oder stirbt – wie die lungenkranke Mimi in „La Bohème“. Paede sieht somit schon in der Gattung selbst einen Bruch – trotz der immensen Emotionalität. „Dieser Bruch kann ein Einfallstor für immer wieder andere Interpretationen sein.“

Inszenierungen bewegen sich für die Operndramaturgie am Kasseler Staatstheater zwischen zwei Polen: Einerseits geht es um ein „Theater des Erlebnisses“, um immersive Eindrücke und unmittelbare Wirkungen. Dass man etwa auf einer Raumbühne mitten im Klang sitzt. Andererseits soll Oper so partizipativ wie möglich sein. „Das sehen wir als politischen Auftrag“, so Paede. Zuschauer sollen nicht nur hier und dort ein bisschen mittun, sondern „tief ins Geschehen involviert werden“. Die Dramaturgen haben den Anspruch, „etwas mit dem Publikum zu tun haben zu wollen“.

Epoche

Das Repertoire des 19. Jahrhunderts steht im Zentrum der aktuellen Spielplangestaltung in Kassel. Jene Zeit also, als die Oper gesellschaftliches Leitmedium war, so Dramaturgin Teresa Martin. Viele technische Neuerungen machten das möglich, etwa die Gasbeleuchtung. Die gesellschaftlichen Umbrüche der Epoche gingen in die Werke ein, oft genug gab es Skandale um die Uraufführungen. „Das ist nur zuträglich für eine emotionale Anbindung“, so Paede. Zwar wird es heute nicht mehr vorkommen, dass Menschen durch eine Musiktheateraufführung derartig aufgewühlt werden, dass sie einen Aufstand planen, „aber der Anspruch, mit dem die Werke damals komponiert wurden, muss für uns Maßstab sein“.

Geschlechterrollen

In der Oper werden sehr häufig die Soprane ermordet. Dieses Kuriosum immer wieder neu zu befragen, ist Kornelius Paede ein Ansporn. Zumal, da nicht nur bei den Geschlechterrollen derzeit viele Paradigmen wechseln.

Aktuelle Bezüge

Soll Oper in den aktuellen gesellschaftlichen Debatten dahin gehen, wo es wehtut, oder eher versuchen, erkannte Fehlentwicklungen selbst geradezubiegen, zu korrigieren? Die Dramaturgen ziehen den Vergleich mit der documenta fifteen: Dort habe man gesehen, welche Wellen es schlägt, wenn Kunst Teil des aktuellen Diskurses wird. „Pauschal würde ich die Frage also ungern beantworten“, sagt Paede. Die Dramaturgen wollen außerdem den jeweiligen Regieteams nicht reinreden in deren Art, auf die Opernstoffe zuzugreifen.

Tagungsreihe

Mit der Veranstaltungsreihe „Oper raus“ ist eine Plattform geschaffen worden, die über Fragen wie die mit den sterbenden Sopranen, oder die, warum die Opern des gängigen Kanons alle von Männern geschrieben wurden, nachdenkt. Paede hat dort aber auch mal das Themenfeld Computerspiele etabliert – für junge Leute ein wichtiges Medium, und sich mit Kompositionsmustern beim Eurovision Song Contest auseinandergesetzt.

Gespräche

„Wir verstehen uns als Vermittler“, sagt Dramaturgin Teresa Martin. Immer ist einer der Dramaturgen an Aufführungsabenden im Opernhaus und steht für Gespräche bereit. Nach der Einführung, in der Pause, hinterher.

Eine Aufgabe, die das Team sehr ernst nimmt. „Gespräche zu führen ist das Wichtigste“, sagt Assistent Felix Linsmeier, „wir sammeln die Eindrücke der Besucher. Richtige und falsche Interpretationen gibt es ohnehin nicht.“ Im Idealfall entstehen bei einem solchen Austausch gemeinsame neue Gedanken. Sind Leute gar nicht einverstanden, ist das durchaus okay. Paede: „Das leidenschaftliche Buh hat auch eine Operntradition.“ Wenn den Besuchern eine Aufführung egal wäre, wäre das aus seiner Sicht ein Zeichen für schwindende Relevanz.

Video

Das Stichwort Videoeinsatz zeigt für den Chefdramaturgen, wie unterschiedlich die Sehgewohnheiten des Publikums sind. Geht damit für einige eine unerträgliche Beschleunigung einher, ist das zusätzliche Medium für andere völlig normal. Mit der Frage nach der Gesamtlänge hängt auch die Überlegung zusammen, ob man Teile streichen darf – für einige tut das der Aufführung gut, für andere ist es ein Sakrileg.

Die „Zauberflöte“

Konkret nach Erwartungen an Mozarts „Zauberflöte“ hatten die Dramaturgen kürzlich ihr Publikum gefragt. Die Antworten gehen mit in die neue Produktion ein, die am

25. Februar Premiere hat. Während die Erwartung geäußert wurde, dass Papageno auf jeden Fall im Federkleid auftreten soll oder dass es einen Sternenhimmel geben muss, gab es auch mehrseitige Analysetexte von Opernfans über die Figur der Königin der Nacht. Martin verspricht, dass die Zuschauer an dem Abend „sehr partizipativ eingebunden“ werden.

Hindernisse

Was hindert Menschen, eine Opernaufführung zu besuchen? Die immer noch vorherrschende Einstellung, man brauche eine bestimmte Vorbildung, „möchte ich wegkriegen“, sagt Paede. Wenn sie Schwellen abbauen wollen, denken die Dramaturgen auch über Erwartungen an die Festlichkeit eines Abends nach. Manche Besucher wünschen sich einen entsprechenden Rahmen und haben Freude daran, sich schick anzuziehen – gleichzeitig möchte das Team aber auch vermitteln, dass es kein Problem ist, in Jeans und Turnschuhen in die Oper zu gehen. Besonders bei jungen Leuten, die noch keine Erfahrung mit solchen Events haben, sei es wichtig, die richtigen Akzente zu vermitteln.

Von Bettina Fraschke

Dramaturgin: Teresa Martin.
Dramaturgin: Teresa Martin. © Teresa Martin/NH
Dramaturgie-Assistent: Felix Linsmeier.
Dramaturgie-Assistent: Felix Linsmeier. © Katharina Gebauer/NH

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