Es geht immer wieder um Moral

Kasseler Staatstheater: Das Programm der neuen Spielzeit

Stellte das Programm für die nächste Spielzeit vor: Das Leitungsteam des Kasseler Staatstheaters mit (hinten von links) Chefdramaturg Michael Volk, Intendant Thomas Bockelmann, Künstlerischer Betriebsdirektorin Sabine Wendenburg und Tanzdirektor Johannes Wieland sowie (vorn von links) Schauspiel-Oberspielleiter Markus Dietz, Operndirektorin Ursula Benzing, Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und Jugendtheaterleiter Dieter Klinge. Foto: Koch

Kassel. Zum Start der neuen Saison zeigt das Kasseler Staatstheater Vincenzo Bellinis Oper „Norma“. Was sonst noch zu sehen sein wird, gab das Theater jetzt bekannt.

Terroristen kapern ein Flugzeug mit 164 Passagieren und fliegen auf die Allianz-Arena zu – Länderspiel, 70.000 Zuschauer. Ein Kampfjet folgt diesem Flugzeug und dessen Pilot entscheidet: Ich schieße es ab, ich nehme den Tod von 164 Menschen in Kauf, um den Zigtausend weiterer zu verhindern.

Was passiert, wenn vor Gericht über seine Schuld verhandelt wird, zeigt Ferdinand von Schirach in seinem Gerichtsstück „Terror“, das am Kasseler Schauspielhaus in der kommenden Spielzeit gezeigt wird. Er lässt gar das Publikum abstimmen: War das Mord? „Terror“ steht für eine Reihe von Werken, die sich mit der Frage nach der Verantwortung des Einzelnen in Abgrenzung zur Gesellschaft beschäftigen. Wo folge ich meinem inneren Kompass, wo kommen geltende Regeln an ihre Grenzen? Es wird immer wieder moralisch und politisch: Gestern stellten Intendant Thomas Bockelmann und sein Leitungsteam im Opernhaus das Programm für die neue Saison vor.

Im Musiktheater geht es los mit Vincenzo Bellinis tragischer Oper „Norma“, wo eine Hohepriesterin zwischen Volkeswille und Geheimnisbewahrung zu entscheiden hat. Hulkar Sabirova wird die anspruchsvolle Partie singen, die musikalische Leitung hat der neue erste Kapellmeister, der derzeit gesucht wird.

Zum Spielzeitstart wird Bockelmann eine Filmbearbeitung auf die Bühne im Schauspielhaus bringen: Asghar Farhadis „Le Passé / Das Vergangene“, in dem es um Schuld, Liebe und Verlust geht. Hier klingt auch ein weiterer Spielzeitschwerpunkt an: Migration sowie das Leben zwischen Herkunfts- und neuer Kultur.

Friedrich Schillers Klassiker „Kabale und Liebe“ steht dann für den Konflikt zwischen dem eigenen Glückswunsch und der gesellschaftlichen Konvention, der Luise und Ferdinand zerreibt. Oberspielleiter Markus Dietz inszeniert.

Musik des 20. Jahrhunderts

Einen Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert legt der Opernspielplan: Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“, Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ (beide musikalisch geleitet von GMD Patrik Ringborg), Emmerich Kálmáns Operette „Die Herzogin von Chicago“, und Carl Orffs „Der Mond“ stehen dafür. Als Musical wird Cole Porters Klassiker „Kiss me, Kate“ gezeigt, dazu kommen die Barockoper „Artaserse“ des unbekannten Leonardo Vinci (nicht zu verwechseln mit dem Maler) und Mozarts „Entführung aus dem Serail“.

Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“, Ibsens „Volksfeind“ und Sophokles „Antigone“ sind weitere Meilensteine auf dem Schauspiel-Spielplan, Aufmerksamkeit soll auch das Projekt eines radikalen Theatermachers finden: Ersan Mondtag wird ein Stück zum Titel „Tyrannis/Angst/...“ entwickeln. Elfriede Jelineks Theatertext „Die Schutzbefohlenen“ gibt Asylsuchenden eine Stimme. Auch das Kinder- und Jugendtheater geht das Thema Asyl und Migration an: In Björn Bickers Stück „Deportation Cast“ geht es um das Schicksal einer Roma-Familie, die in Deutschland integriert ist, aber in das Kosovo abgeschoben wird.

Im Tanztheater beschäftigt sich die Produktion „You will be removed“ mit den Folgen von Gewalt und Krieg, bei „Erzengel“ geht es um die Verteilung von Ressourcen auf dem Planeten - hierbei wird Direktor Johannes Wieland wieder mit internationalen Gästen arbeiten.

Zu drei Tanzabenden stehen mit Wiederaufnahmen 15 Musiktheaterwerke, 15 Schauspielabende und acht Stücke im Kinder- und Jugendtheater auf dem Programm 2015/16.

Die Premieren in der Spielzeit 2015/16

Musiktheater

• „Norma“, tragische Oper in zwei Aufzügen von Vincenzo Bellini, Inszenierung: Yona Kim, Premiere: 3. Oktober 2015, Opernhaus

• „Kiss me, Kate“, Musical in zwei Akten von Cole Porter, Musikalische Leitung: Alexander Hannemann, Inszenierung: Tom Ryser, Premiere: 24. Oktober 2015, Opernhaus

• „Artaserse“, Dramma per musica in drei Akten von Leonardo Vinci, Musikalische Leitung: Jörg Halubek, Inszenierung: Sonja Trebes, Premiere: 12. Dezember 2015, Opernhaus

• „Die Herzogin von Chicago“, Operette in zwei Akten mit einem Vor- und Nachspiel von Emmerich Kálmán, musikalische Leitung: Marco Zeiser Celesti, Inszenierung: Christoph Biermeier, Premiere: 23. Januar 2016, Opernhaus

• „Die Liebe zu den drei Orangen“, Oper in vier Akten und einem Vorspiel von Sergej Prokofjew, musikalische Leitung: Patrik Ringborg, Inszenierung: Dominique Mentha, Premiere: 5. März 2016, Opernhaus

• „Die tote Stadt“, Oper in drei Bildern von Erich Wolfgang Korngold, musikalische Leitung: Patrik Ringborg, Inszenierung: Markus Dietz, Premiere: 23. April 2016, Opernhaus

• „Der Mond - Ein kleines Welttheater“ von Carl Orff, nach dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm, musikalische Leitung: Alexander Hannemann, Inszenierung: Espen Fegran, Übernahme-Premiere: 14. Mai 2016, Opernhaus

•„Die Entführung aus dem Serail“, Singspiel in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart, Inszenierung: Adriana Altaras, Premiere: 18. Juni 2016, Opernhaus

•12. Theater-Jugendorchesterprojekt: „Tom Sawyer“, musikalisches Spiel in einem Akt und sieben Szenen von Jonathan Elkus nach Mark Twain, musikalische Leitung: Maria Radzikhovskiy, Inszenierung: Philipp Rosendahl, Premiere: 2. Juli 2016, Schauspielhaus

Geplante Wiederaufnahmen:

•„La Boheme“ von Giacomo Puccini ab 9. Oktober,

•„Das tapfere Schneiderlein“ von Wolfgang Mitterer ab 31. Oktober

•„Eugen Onegin“ von Peter Tschaikowsky ab 6. November,

•„Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck ab 18. Dezember

•„Saul“ von Georg Friedrich Händel ab 6. Februar

•„Rigoletto“ von Giuseppe Verdi ab 18. März

Schauspiel

•Deutsche Erstaufführung: „Le Passé“ / Das Vergangene“ nach dem Film von Asghar Farhadi, Bühnenfassung von Susanne Felicitas Wolf, Inszenierung: Thomas Bockelmann, Premiere: 8. Oktober 2015, Schauspielhaus

•„Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek, Inszenierung: Philipp Rosendahl, Premiere: 9. Oktober 2015, tif

•„Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller, Inszenierung: Markus Dietz, Premiere: 17. Oktober 2015, Schauspielhaus

•„Mutters Courage“ von George Tabori, Inszenierung: Donald Berkenhoff, Premiere: 23. Oktober 2015, tif

•Uraufführung / Stückentwicklung: „Tyrannis/ Angst/.../“ von Ersan Mondtag, Inszenierung und Bühne: Ersan Mondtag, Premiere: 10. Dezember 2015, tif

•„Frühstück bei Tiffany“ von Truman Capote, Bühnenfassung von Richard Greenberg, Inszenierung: Anna Bergmann, Premiere: 11. Dezember 2015, Schauspielhaus

•„Gaunerstück“ von Dea Loher, Inszenierung: Maik Priebe, Premiere: 19. Februar 2016, tif

•„Antigone“ von Sophokles, Inszenierung: Martin Schulze, Premiere: 20. Februar 2016, Schauspielhaus

•„Terror“ von Ferdinand von Schirach, Inszenierung und Bühne: Patrick Schlösser, Premiere: 16. April 2016, Schauspielhaus

•Uraufführung „Chapters“ von Bettina Erasmy, Inszenierung: Schirin Khodadadian, Premiere: Juni 2016, tif

•„Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen, Inszenierung: Markus Dietz, Premiere: 11. Juni 2016, Schauspielhaus

Geplante Wiederaufnahmen:

•„Immer noch Sturm“ von Peter Handke

•„Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza

•„Penthesilea“ von Heinrich von Kleist

•„The Who’s Tommy“, Rockoper (diese Wiederaufnahme steht unter Finanzierungsvorbehalt)

Tanztheater

• Uraufführung „You will be removed [Arbeitstitel]“, ein Stück von Johannes Wieland, Uraufführung: 22. Januar 2016, Schauspielhaus

• Uraufführung „Erzengel“ [Arbeitstitel], zwei Stücke von N.N. und Johannes Wieland, Uraufführung: 7. Mai 2016, Opernhaus

• Choreografische Werkstatt, junge Choreografen stellen sich vor

Kinder- und Jugendtheater

• „Huck Finn“ von Max Eipp nach Mark Twain, ab 10 Jahren, Inszenierung: Dieter Klinge, Premiere: 18. Oktober 2015, tif

• „Eine Weihnachts-Geistergeschichte“ nach der Erzählung von Charles Dickens „A Christmas Carol“, ab 6 Jahren, Premiere: 18. November 2015, Opernhaus

• „Deportation Cast“ von Björn Bicker, ab 15 Jahren, Inszenierung und Bühne: Gustav Rueb, Premiere: 7. Februar 2016, tif

• „Die Geschichte vom Onkelchen“ von Thomas von Brömssen, Musik: Lars-Eric Brossner, nach dem Kinderbuch von Barbro Lindgren, ab 3 Jahren, Inszenierung: Dieter Klinge, Premiere: 3. April 2016, tif

Geplante Wiederaufnahmen:

• „Restmüll“ von Ko van den Bosch, ab 7 Jahren

• „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, Fassung von Robert Koall, ab 14 Jahren

• „Anne Frank“ nach „Anne Frank: Tagebuch“ , von Dieter Klinge, ab 13 Jahren

• „Erste Stunde“ von Jörg Menke-Peitzmeyer, ein theaterpädagogisches Projekt ab Jahrgangsstufe 7

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