Im Herzen der Ausbeutung

Kasseler Staatstheater startet mit toll aktualisiertem „Wozzeck“

Staatstheater Inszenierung von „Wozzeck“ Bühnengestaltung: Sebastian Hannak im Opernhaus
+
Mitten in der Raumbühne: Blick auf die Inszenierung von „Wozzeck“.

Der neue Intendant Florian Lutz setzte zum Auftakt der Spielzeit in Kassel einen starken Akzent im Opernhaus. Dort inszeniert er auf einer Raumbühne Alban Bergs „Wozzeck“.

Kassel – Mit seinem einlullenden Marketingsprech und den schicken Hostessen in ihren türkisfarbenen Uniformen hat der Flüssignahrungs-Lobbyist leichtes Spiel. Seine knallharten Wirtschaftsinteressen verkauft er dem Publikum als „Demokratie-Challenge“, er simuliert Abstimmungen und säuselt, dass es dabei ganz bestimmt um die Anliegen jedes einzelnen gehen wird. Doch am Ende ist nicht nur der kleine Junge an der Spielkonsole ruhiggestellt (Michel Hause). Die Stadt ist flächendeckend der Werbeästhetik von „Biofuel“ unterworfen – und einem System, das fast unmerklich, schlimmer noch: mit der Zustimmung des Wahlvolks – zementiert worden ist.

Florian Lutz ist mit seiner Inszenierung von Alban Bergs Oper „Wozzeck“ zum Auftakt seiner Intendanz am Kasseler Staatstheater ein großer Wurf gelungen. Anregendes Musiktheater. Relevant. Präzise durchdacht, schlüssig inszeniert, technisch souverän, musikalisch und sängerisch top. Zur Premiere am Freitag im Opernhaus gab es langen Applaus. Die desolate Soldatenwelt, in der Berg seinen „Wozzeck“ nach Georg Büchners Vorlage angesiedelt hat, ist hier ersetzt durch das Industrieprekariat der hippen Konzerne, die shiny-happy daherkommen, ihre Lohnmalocher aber bis über die Demütigungsgrenze hinaus in Abhängigkeit halten.

Wozzeck, das ist im 21. Jahrhundert ein Packer und Auslieferungsfahrer in brauner Kurzhosenuniform mit Outdoor-Sandalen. Der Doktor betreibt hier die Flüssignahrungsfirma Biofuel, der Hauptmann (dämonisch: Arnold Bezuyen) wird zum Politiker. In der zugefügten Rahmenhandlung (die allerdings jeweils einen harten Schnitt zum musikalischen Geschehen markiert) ist er Dompteur der Demokratie.

Das ganz besondere Musiktheatererlebnis entsteht nicht nur durch diese intelligente Aktualisierung, sondern auch durch die von Sebastian Hannak erdachte Raumbühne. Auf die Bühne des Opernhauses ist ein dreigeschossiges Gerüst – Pandaemonium – gebaut, auf einem Steg und in vielen Nischen wird gespielt, das Publikum sitzt teils im Zuschauerraum, teils in Logen auf der Bühne. Im Zentrum: das Orchester. Live-Videos ermöglichen beeindruckende Nahaufnahmen der Sänger, mit vielen Leinwänden entstehen multiple Raumperspektiven. Perfekt in Bildregie und Schnitt (Konrad Kästner).

Der Orchesterklang entfaltet unter dem differenzierten Dirigat von Francesco Angelico bewegende Kraft. Wer auf der Bühne sitzt, befindet sich in der Herzkammer des Klangs. Die visuellen Reize nehmen nicht überhand, die suggestive, psychologisch reflektierte Musik versenkt sich mal in die Dissonanz, leuchtet mal in Schönklang brennend auf.

Das liegt auch an den exzellenten Sängern, das neue Ensemble gibt hier (leider mit Mikroports verstärkt) eine brillante Visitenkarte ab. Allen voran glänzt Filippo Bettoschi in der Titelpartie, der dem Bemühen, Scheitern, der Liebe, dem Gewaltausbruch und dem Erlöschen Wozzecks bewegende Tiefe verleiht. Margrethe Fredheim gestaltet als Marie Momente des Friedens wie des inneren Aufruhrs und der Zweifel. Sie ist eine überforderte Prekariatsmama in Jogginghose (Kostüme: Mechthild Feuerstein), die Wodkaflasche stets griffbereit, Pizzakartons als Gebirge in der ärmlichen Wohnung. Klar fährt so jemand auf den Tambourmajor ab, der bei Frederick Ballantine eine Werbeikone für Biofuel ist – omnipräsent in der Bildschirmwelt, völlig überspannt in jeder realen Begegnung. Ihren Körper verkaufen, das müssen sie hier alle, sei es mit Schufterei, sei es mit Sexyness.

Andrés Felipe Agueldo ist ein sensibler Andres, Magnus Piontek ein sadistischer Doktor, ferner wirken Michael Tews, Ileol Park, Daeju Na und Maren Engelhardt mit, Opernchor sowie Kinder- und Jugendchor Cantamus.

Der prägt musikalisch auch den Schluss, in dem ein Kinderlied durch einen Streicheraufruhr jäh unterbrochen wird, der dann abebbt. Wie in einem letzten Luftholen beschreiben die Bläser Abwärtslinien, als wollten sie an Wozzecks Satz erinnern „Der Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut“. Tonfolgen schichten sich übereinander, als würde sich ein Erkennen immer mehr durchsetzen, und in einem hohen Klangflirren scheint endlich so etwas wie Frieden auf.

(Bettina Fraschke)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.