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Wagners „Ring“ und der Klimawandel auf der Bühne

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Von: Bettina Fraschke

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Staatstheater Kassel: Vor wandfüllendem Video steht eine Hügellandschaft mit Tänzern und Schauspielerin Christina Weiser im Mittelpunkt bei „Temple of Alternative Histories“-
Vor wandfüllendem Video: Eine Hügellandschaft mit Tänzern und Schauspielerin Christina Weiser im Mittelpunkt. © Isabel Machado Rios

Alle Sparten kommen zusammen bei einem großen Bühnenprojekt am Staatstheater Kassel: In „Temple of Alternative Histories“ wird Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit unserem Umgang mit der Natur.

Kassel – Ein bisschen Sorgen kann man sich anfangs schon machen. Das Orchester hebt an und man will sich in die betörende Magie des Es-Dur-Akkords von Richard Wagners „Rheingold“ fallen lassen. Prompt quasseln die Schauspieler Emilia Reichenbach und Jonathan Stolze im Kasseler Opernhaus in die Ergriffenheit hinein: „Was Sie hier hören ist die Ur-Quinte.“ Man soll mitsummen und dabei seinen Körper fühlen. Eine krasse Intervention zu Beginn eines außergewöhnlichen Bühnenerlebnisses am Staatstheater – die allerdings auf eine falsche Fährte führt. Es gibt in den nächsten vier (!) Stunden nicht Wagner mit Mitmachspielchen oder gefühlige Selbstfindung. Stattdessen erlebt das Publikum ein souverän durchgestaltetes Gesamtkunstwerk, das bei der Premiere am Samstag im Stehen beklatscht wird.

Mit „Temple of alternative Histories“ ist Regisseur Thorleifur Örn Arnasson ein ambitioniertes Projekt gelungen, das Tanz, Gesang, Musik, Schauspiel, Video, Wissenschaft, Rocksong, biografische Einsprengsel und kulturhistorischen Vortrag stimmig verzahnt. Vereinzelt geraten Szenen allerdings recht plakativ, Botschaften (es gibt sogar predigthaft erhobene Zeigefinger) zu schlicht.

Erster Kapellmeister Mario Hartmuth hat 16 Sunden Musik aus dem „Ring des Nibelungen“ neu kompiliert und beschwört Wagner-Zauber aus dem Orchestergraben herauf, Sounddesigner Sam Slater sorgt für Klangirritation.

Entlang des „Ring“ wird auf die Entfremdung des Menschen von der Natur geschaut. Es geht um Gier und Allmachtsansprüche, Männerbilder und die reaktionären Anfänge der Umweltbewegung. Bayerns König Ludwig II. (Hubert Wild) träumt vor gleich mehreren Chorsängern im Wagnerkostüm von einer Kunstreligion. Im Märchenkönig-Look (Kostüme: Karen Briem) übernimmt der Countertenor dann auch Szenen als Fricka in ihrer ehelichen Auseinandersetzung mit Wotan/Wagner und es entsteht eine irrwitzige Doppelbödigkeit. „Wagner versinkt im Leitmotivchaos“ heißt denn auch eine Szene.

Minutenlang verröchelt opernklischeehaft ein langmähniger Recke auf der Bühne, während Aljoscha Langel – „Yippie-ya-yeah, Schweinebacke“ – Heldenbilder der Popkultur durchdekliniert.

Die Tänzer erwecken kraftvolle Bilder von Ausbeutung der Industriearbeit, sind aber auch mal eben ein Wald, wenn es um die Innerlichkeit der Romantik geht, und sie zelebrieren eine charmante Musical-Einlage, wenn Tänzer Kaine Ward von seinem Weg in den Beruf erzählt.

Ulrike Schneider ist als Erda bis ins Mark schwermütig bei „Stark ruft das Lied“ in der Begegnung mit dem Wanderer (Filippo Bettoschi). Als weise Urmutter wird sie vom Kinder- und Jugendchor Cantamus begleitet, der ihren Mezzosopran mit heller Unschuld kontrastiert. Margrethe Fredheim ist unter anderem eine kraftvolle Sieglinde. Rahel Weiss schwingt als Rockröhre die Haare wie beim Heavy-Metal-Konzert.

Mario Hartmuth liest Wotan im „Ring“ als Symbol für den Menschen an sich, der sich auf die Katastrophe zubewegt, obwohl sie vermeidbar wäre. Passenderweise bauen Bühnenarbeiter die grüne Hügellandschaft des Beginns alsbald ab und fahren die Bauelemente weg (Bühne: Sebastian Hannak).

Wissenschaftsbezüge kommen trotz der Förderung vom Bundesministerium zu wenig vor, nur die Feststellung, dass Fachleute seit Langem warnen, wir aber die Tragweite des Klimawandels nicht begreifen können oder wollen.

Nach der Pause dominiert Frank Lamms drei Wände füllendes Video aus der isländischen Tundra, in der sich ein Paar streitet, küsst und so innig im Arm hält, dass sich unmittelbar vermittelt, wie elementar uns Menschen dieses Bedürfnis ist. Ebba Katrin Finnsdóttir berichtet dann auf der Bühne davon, wie Isländer in Verbindung mit der Natur sind – Elfen als Metapher für die Möglichkeit, die Stimme der Natur zu hören.

Und wo bei Wagner das Ende eine Katastrophe ist, was sich angesichts der globalen Erhitzung nur allzuklar aufdrängt, setzt der isländische Mythos Edda die Hoffnung ans Ende. Hier hat sie dann – ganz ohne Es-Dur-Akkord – ihren Platz: die Ergriffenheit.

Bis 24. Juli, 19 Uhr, ergänzt durch Wissenschafts-Talks mit der Uni Kassel, staatstheater-kassel.de

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