„Kasseler Winterreise“ verband Schubert mit Erfahrungen Wohnungsloser

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Musik, Kunst und Wort: Szene aus der Kasseler Winterreise mit einer Skulptur von Harald Birck und dem Rezitator Christian Brückner.

Kassel. In der 24 Liedern von Franz Schuberts „Winterreise“ wird uns die Geschichte eines einsamen Wanderers erzählt, Verlassen und ausgestoßen, irrt er druch eine unwirtliche, winterliche Landschaft. Auch bei der „Kasseler Winterreise“, die am Sonntag in der Martinskirche aufgeführt wurde, waren die Lieder zu hören.

Sie waren aber eingebettet in eine inszenierte Lesung, bei der Texte von wohnungslosen Menschen aus Kassel vorgetragen wurden. Die Texte stammten aus Interviews, die der Initiator des Projekts, Stefan Weiler, geführt hatte.

Wer diesen Abend vor rund 500 Zuhörern erlebt hat, wird die „Winterreise“ künftig mit anderen Ohren hören und hoffentlich auch mit anderen Augen auf die Wohnungslosen in dieser Stadt blicken. Tatsächlich ist es Stefan Weiler, der auch Regie führte, und den ausführenden Künstlern gelungen, die Sphäre der Kunst und mit den teilweise äußerst bedrückenden Erfahrungen von Menschen am Rande der Gesellschaft zu verbinden.

Schuberts Lieder bieten dafür erstaunlich viele Anknüpfungspunkte. Die Texte Wilhelm Müllers lassen sich nicht nur als Schilderung eines Einzelschicksals lesen, sie bergen auch gesellschaftlichen Sprengstoff. „Habe ja doch nichts begangen, dass ich Menschen sollte scheu’n“, diese Zeile aus „Der Wegweiser“ wird im Kontext einer Schilderung von der Peinlichkeit des ersten Bettelns auf einmal sehr konkret.

Solche Verknüpfungen gab es viele, sie wurden angedeutet durch Überlappungen von Rezitation und Klaviervorspielen, doch sie wurden den Hörern nicht aufgedrängt. Dass drei Solisten, Christina Schmid (Sopran), Achim Kleinlein (Tenor) und Dirk Schneider (Bariton), dazu der Chor Compagnia Vocale (Leitung: Charlotte Hake) im Wechsel den Gesang darboten, vermittelte ganz nebenei, dass die Winterreise die Geschichte von vielen ist.

Die von dem Rezitator Christian Brückner (Filmfreunde kennen ihn als Stimme Robert De Niros) vorgetragenen Texte boten ein breites Spektrum von Gefühlen, von Erfahrungen des Scheiterns und von Resignation, aber auch von Lebenswillen und Würde. Auf eindringliche Weise ergänzten fünf Porträtbüsten Wohnungsloser des Künstlers Harald Birck die Aussagen der Betroffenen.

Bleibt am Ende, nachdem man seine Spende gegeben hat, die Frage: Wie nahe kommen die aus der Mitte der Gesellschaft den Ausgegrenzten wirklich? Ein Betroffener, der regelmäßig Plasma spendet, empfindet es so: „Stellen Sie sich vor: Mein Plasma auch im Körper von Leuten, die im Leben nichts mit mir zu tun haben wollten.“

Von Werner Fritsch

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