Frauenporträt

Kassels neue literarische Stimme: Romandebüt von Anwältin Martina Graß

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Verbindet das literarische Schreiben mit ihrer Arbeit als Anwältin: Martina Graß.

Wie wäre es, endlich mal jemandem genau die schlagfertige Antwort um die Ohren zu schleudern, die einem sonst immer erst einige Minuten zu spät einfällt? Die Kasseler Autorin Ida Grass probiert das konsequent – mit ihrer Romanfigur Hanne Gellert.

Mit ihrem überzeugenden Frauenporträt „Hanne greift sich das Leben“ setzt die 46-Jährige einen starken Akzent in der regionalen Buchlandschaft.

Ida Grass ist der Autorenname der Oberzwehrener Rechtsanwältin Martina Graß. Die Romanfigur sei ihr nicht ähnlich, erzählt sie. Aber sie habe Charakterzüge eines früheren Partners verarbeitet – Hanne Gellert steht für ein überbordendes Bedürfnis, sich und vor allem ihre Mitmenschen zu kontrollieren.

Die Chefsekretärin einer Anwaltskanzlei muss damit klarkommen, dass ihre Tochter zum Studieren das Haus (und die mütterliche Umsorgung) verlässt. Sie denkt, sie hat ihren Chef im Griff und vernachlässigt darüber die Kanzleiarbeit.

 Foto:  Fraschke

Und sie imaginiert sich dessen Anwaltskollegen als Partner und betreibt das Sichverlieben als perfektionistisches Projekt. In völliger Verkennung der Tatsache, dass sich der Mann nicht weitergehend für die Mittvierzigerin interessiert. Auch wenn sie immer sportlicher und aufgebrezelter wird. Das neu entflammte Interesse eines verflossenen Partners aus der Heilpraktikerszene hingegen ignoriert Hanne. Kein Platz für Liebe.

Grass/Graß gelingt die Balance, eine Romanfigur zu erschaffen, die im ersten Moment nicht sonderlich sympathisch ist, die einem aber ans Herz wächst, und die beim Leser durchaus Momente des Wiedererkennens aufblitzen lässt. Man will wissen, wie es ihr ergeht - und auf die schlagkräftigen Sprüche kann man durchaus neidisch werden. Das Kasseler Lokalkolorit ist nicht aufdringlich eingearbeitet, Ausflüge führen von Oberzwehren auch nach Amrum und Marburg. „Therapier mich bloß nicht, hat Hanne zu mir gesagt“: Martina Graß beschreibt beim Treff in einem Bäckereicafé die Arbeit an dem Roman als intensiven Austausch mit Hauptfigur Hanne, die sie bis jetzt nicht loslässt.

Eine Romanfortsetzung ist geplant, schließlich endet Hanne auf Buchseite 301 im Gefängnis. Da muss noch etwas passieren. Auch der Verleger war erst skeptisch wegen des ungewöhnlichen UnhappyEnds.

In den 90er-Jahren war Graß schon einmal schreibend unterwegs, als Journalistin für das Blatt „Land & Leute“ in Wolfhagen. Mittlerweile hat sie sich frühmorgens, bevor der Tag für die Familie um sieben Uhr beginnt, zwei Stunden zum Schreiben eingeräumt. Martina Graß’ großer Sohn ist schon außer Haus, aber die 18-jährige Tochter wohnt noch bei ihr. Das heißt aufstehen um fünf Uhr, ein Becher Kaffee mit Sojamilch, dann an den Computer. „Ich bin morgens fit“, sagt die Autorin, „das ist meine Zeit.“

Dann geht es in die Kanzlei, in der Martina Graß seit 2001 nahezu alle Rechtsbereiche abdeckt - „wie ein Landarzt“. 1967 als Bäckerstochter in Kassel geboren, studierte sie in Trier und Marburg Jura. „Das ist eine Vernunftehe, wir arrangieren uns seit 25 Jahren.“

Von Bettina Fraschke

Ida Grass: Hanne greift sich das Leben, KUUUK, 308 S., 16 Euro. Wertung: vier von fünf Sternen

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