„Das Alte Ägypten (be)greifen“

Barrierefreie Ausstellung: Kein Alarmton bei der Berührung

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Original zum Anfassen: Der blinde Adolf Kämmer aus Vellmar betastet das 3400 Jahre alte Fragment des Löwenkopfes der Göttin Sachmet.

Kassel. Das hat schon jeder Museumsbesucher erlebt: Man besucht eine Ausstellung, ist fasziniert von einem wundervollen Kunstgegenstand, es zuckt in den Fingern, man will betasten, berühren, streicheln - die Hand bewegt sich in Richtung des Objekts und zack!, wie aus dem Nichts, springt jemand vom Aufsichtspersonal auf einen zu und bittet im besten Falle höflich um Unterlassung.

Manchmal tönt gleich der Alarm. So etwas wird einem in der neuen Sonderausstellung „Das alte Ägypten (be)greifen“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe garantiert nicht widerfahren. Ganz im Gegenteil: Man darf nicht nur berühren, es gebietet sich sogar. Wie schön!

Die Ausstellung mit dem Untertitel „40 Berührungspunkte für Sehende und Blinde“ ist zuallererst für Blinde konzipiert, auch wenn sie erst an zweiter Stelle als Adressaten genannt werden. „Wir möchten, dass unsere Sammlungen von besonderen Gruppen wahrgenommen werden können“, sagt Prof. Dr. Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, der die Schau gemeinsam mit dem Leiter der Antikensammlung, Dr. Rüdiger Splitter, nach Kassel geholt hat.

Konzipiert wurde die erfolgreiche Ausstellung am Ägyptischen Museum der Universität Leipzig, wo sie 2005 erstmals gezeigt wurde. Seitdem haben sie laut Kuratorin Dr. Friederike Seyfried rund 140 000 Menschen in verschiedenen Städten besucht.

Fünf Themen stehen im Mittelpunkt und tragen zum tieferen Verständnis der altägyptischen Kultur bei. Alltag, Schrift, Königtum, Götterwelt und Totenkult. Die Besucher können sich etwa in einem Bett niederlassen, ihr Haupt auf eine hölzerne Kopfstütze legen oder in einen 3500 Jahre alten polierten Spiegel blicken, den sie selbstverständlich zur Hand nehmen dürfen.

Sie können die Büste von Ramses II. ebenso berühren, wie Eingeweidekrüge, sogenannte Kanopen, in Form von Tierköpfen. Hieroglyphen liegen als dreidimensionale Modelle und ein großes Wandrelief vor. Tierpräparate verweisen auf die Vorbilder von Schriftzeichen.

Natürlich fasziniert der ägyptische Totenkult am meisten. Man darf etwa den zweischaligen Nachbau eines altägyptischen Sarges öffnen und die bandagierte Mumie herausnehmen.

Markante Farben für Sehbehinderte: Gipsnachbildungen von Eingeweidekrügen.

Dass die Ausstellung ganz überwiegend aus Repliken besteht, ist nicht verwunderlich. Aber die sind in so ausgezeichneter handwerklicher Qualität gefertigt, dass sie die Aura der Jahrtausende umweht. Die Objekte befinden sich auf stabilen umrandeten Tischen. Erläuterungen gibt es sowohl in Blindenschrift als auch in besonders großer Schrift für Sehbehinderte und alle anderen. Ein Audioguide ist verfügbar, der erst bei Annäherung an das jeweilige Objekt startet. Blinde können sich also völlig frei bewegen. Man hat wirklich an alles gedacht.

„Das Alte Ägypten (be-)greifen“ wird Maßstäbe setzen bei der Konzeption barrierefreier Ausstellungen. Wahrscheinlich ist das schon geschehen.

Das Alte Ägypten (be)greifen. 40 Berührungspunkte für Sehende und Blinde; bis 26. Juni, Di - So 10 - 17, Do bis 20 Uhr, Museum Schloss Wilhelmshöhe, Kassel, Eintritt: 6, ermäßigt 2 Euro.

Von Andreas Gebhardt

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