Kein Friede Freude Eierkuchen: Russland spaltet ESC

Wien. Finnland ist raus, aber mit Russland hat ein Favorit den Sprung ins Finale des Eurovision Song Contest geschafft. Zugleich spaltet Polina Gagarinas Friedenshymne Europa.

Finnische Punks und eine russische Helene Fischer waren die Stars des ersten Halbfinals beim Eurovision Song Contest (ESC). Während das Quartett Pertti Kurikan Nimipäivät ausschied, gilt Polina Gagarina nun als eine der Favoriten für das Finale am Samstag in Wien.

BEHINDERTE PUNKS 

Wahrscheinlich darf man die Mitglieder von Pertti Kurikan Nimipäivät gar nicht mehr behindert nennen. Alle vier Musiker leiden unter Trisomie 21, drei von ihnen leben in speziellen Einrichtungen. Bassist Sami Helle sagt: „Ich sehe uns nicht als mental beeinträchtig. Wir sind zu allem fähig.“

Trotz ihres Ausscheidens haben die Finnen, die sich nach dem Gitarrist und Texter Pertti Kurikka und dem finnischen Wort für Namenstag benannt haben, einen Rekord aufgestellt: Ihr 84 Sekunden-Song „Aina mun pitää“ ist der kürzeste Beitrag in der Geschichte des Grand Prix.

Musikalisch war das dem Genre entsprechend sehr schlicht und trotzdem eindrucksvoll. „Diese Band macht das, was Punk eigentlich schon immer gemacht hat: aufmerksam auf ungerechte Lebensverhältnisse“ sagt Julia Gebrande, Professorin für soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen und körperbehindert.

Auch wenn der ESC für Pertti Kurikan Nimipäivät nun ebenso beendet ist für die hoch gehandelten Starter aus Dänemark und den Niederlanden, kann man die Finnen auch in Zukunft erleben: Die Doku „Kovasikajuttu - The Punk Syndrome“ gibt es mittlerweile auf DVD.

RUSSISCHER FRIEDE 

Bei Twitter machte diese Tage dieser Spruch die Runde: „Sagte nicht Helmut Schmidt schon, dass wer Eurovisionen hat, zum Arzt gehen sollte?“ Der Altkanzler meinte einst Visionen, und die Vision der Russin Polina Gagarina spaltet derzeit die ESC-Gemeinde. Sie sang die von einem schwedischen Team geschriebene Popballade „A Million Voices“ mit einer tollen Stimme, die an ihre Vorbilder Whitney Houston und Beyoncé erinnert.

Aber Gagarinas englischer Friede-Freude-Eierkuchen-Text wirkt sehr zwiespältig, wenn er ein Land repräsentiert, dessen Präsident Wladimir Putin nicht nur die Ukraine, sondern die halbe Welt in Atem hält. „Wir sind das Volk der Menschheit, verschieden und doch gleich. Wir glauben an einen Traum. Beten für Frieden und Heilung“, heißt es im Lied.

Interpretin Gagarina ist in ihrer Heimat ein Superstar. Die Tochter einer Profitänzerin verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Griechenland und gewann mit 17 die russische Castingshow „Star-Fabrik“. Über ihr Lied sagt die 28 Jahre alte Mutter eines Sohnes: „Die Message ist so stark und verbindend, dass niemand negative Gefühle entwickeln kann.“

Irgendwie passt der Beitrag zum ESC: Einerseits soll der Wettbewerb Europa einen, was Conchita Wurst im Vorjahr zumindest im Westen eindrucksvoll gelang. Andererseits wird der Grand Prix gerade in Osteuropa immer populärer, wo er aber auch als „gayropäisch“ beschimpft wird. Manche Experten befürchten im Finale schon eine Blockbildung wie im Kalten Krieg.

Pfiffe wie im Vorjahr gegen die russischen Tolmatschowa-Zwillinge wird es heuer sicher auch geben. Die Organisatoren haben sich darum ein Anti--Buh-System ausgedacht: Mit technischen Hilfsmitteln sollen die Pfiffe herausgefiltert werden. Buh.

Zweites Halbfinale: Donnerstag, 21 Uhr, auf Phoenix.

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