Interview: Reinhard Karger über sein erstes Streichquartett, das in Kassel uraufgeführt wird

Kein Komponist im Kämmerlein

Reinhard Karger Foto:  nh

Kassel. Streichquartette sind in. Nicht nur, dass in den vergangenen Jahren viele junge hochkarätige Ensembles gegründet wurden. Auch das Publikum hat die kammermusikalische Königsgattung neu entdeckt. Und die Komponisten? Die haben Respekt vor der Gattung Streichquartett - und lassen sich doch immer wieder darauf ein. Ein Gespräch mit dem früheren Kasseler und jetzigen Wiener Komponisten Reinhard Karger, dessen erstes Streichquartett „Der blinde Spiegel“ am 26. Januar in Kassel uraufgeführt wird.

Herr Karger, Ihr Stück trägt den Titel einer Kurzgeschichte von Joseph Roth: „Der blinde Spiegel“. Wie kamen Sie auf diese literarische Vorlage?

Prof. Reinhard Karger: Ich bin schon sehr oft von literarischen Vorlagen angezogen worden, von Hölderlin und Proust zum Beispiel. Zuletzt habe ich mich in Joseph Roth vertieft und alles gelesen, was es von ihm gibt. Ich bin ein großer Verehrer dieses tollen Erzählers geworden. Es gelingt nicht bei vielen Autoren, dass man sich in ihre Sprache fallen lassen kann. Roths spezielle Art der Poesie fasziniert mich einfach sehr.

Wie entsteht aus so einer Inspiration Musik?

Karger: Es gibt verschiedene Ebenen der Transformation. Es geht um Bilder, Stimmungen, Emotionen. Manches hängt sich an einem einzigen Satz auf. Etwa dem: „Es dauert einen ewigen Augenblick.“ Da setzt die Fantasie ein: Was ist das, wie kann das klingen? Es gibt aber auch eine strukturelle Schicht: Es - d - a, das ist nicht nur eine Buchstaben-, sondern auch eine Tonfolge.

Wie kamen Sie auf die Besetzung Streichquartett?

Karger: Das war eine unbewusste Entscheidung. Allerdings gab es einen äußeren Anlass: Für eine Musiktheater-Produktion an der Universität hatte ich ein Streichquartett engagiert. So habe ich das Pacific Quartet Vienna kennen- und lieben gelernt. Und daraus entstand die Idee, ein gemeinsames Projekt zu machen.

Was bedeutet die Gattung Streichquartett für Sie?

Karger: Auf der einen Seite verbinde ich diese Gattung, die auf Joseph Haydn zurückgeht, mit Österreich, mit der k.u.k.-Monarchie und mit Wien, wozu literarisch ja auch Joseph Roth zählt. Auf der anderen Seite hat das Streichquartett etwas Auratisches. Es gibt deshalb eine gewisse Scheu, sich an diese Gattung heranzutrauen. Ein Klavierstück schreibt man leichter.

Streichquartette üben aber eine enorme Anziehungskraft aus. Warum?

Karger: Ja, warum gibt es so viele tolle junge Quartette weltweit? Für Komponisten ist es eine besondere Gattung, weil man allgemein denkt: Da drücken sich die Leute im Innersten aus. Das ist belastend, aber auch anregend.

Was ist das Besondere am Pacific Quartet Vienna?

Karger: Mich hat begeistert, mit welcher Leidenschaft die vier jungen Musiker, ein Japaner, ein Chinese, eine Japanerin und eine Schweizerin, sich bei unserem Uni-Projekt den studentischen Arbeiten gewidmet haben. Über Technik und Intonation braucht man bei denen sowieso nicht zu reden. Ich war dann völlig perplex, als ich das Quartett mit Stücken von Anton Webern gehört habe. So bekam ich große Lust, mit den vieren zusammenzuarbeiten. Was sehr gut geklappt hat, weil ich kein Komponist im stillen Kämmerlein bin, sondern gern Zwischenergebnisse nach außen trage und diskutiere.

Was für Hilfen können Sie den Hörern Ihres Streichquartetts geben?

Karger: Ich liebe unvorbereitete Hörer. Das Stück muss für sich selbst sprechen.

Konzert: Der blinde Spiegel. Drei Streichquartette von Alban Berg, Reinhard Karger und Wolfgang Amadeus Mozart. Es spielt das Pacific Quartet Vienna. Mit einem Essay von Reinhard Karger. Donnerstag, 26. Januar, 20 Uhr, im Institut für Musik der Uni Kassel, Mönchebergstraße 1.

Von Werner Fritsch

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