Keine Angst vor dem Internet: Das kluge Buch "Netzgemüse"

Nachdem ihr Sohn im Internet mit Adolf Hitler verglichen worden war, wussten die Berliner Blogger Tanja und Johnny Haeusler, dass das Böse etwas Gutes haben kann. Ihr Ältester war elf und hatte bei YouTube einen Film eingestellt, in dem er Spielzeug testete.

Der Clip wurde sofort verlinkt und geliked, aber ein User schrieb: „Ey du Opfer du siehst aus wie Hitler lass dirn Bart wachsen!“

Mama und Papa Haeusler waren geschockt. Aber ihr Kind blieb gelassen, freute sich über die anderen positiven Kommentare und erklärte seinen Eltern, dass das „Trollen“, das Provozieren in Kommentaren, zum Web gehöre.

Tanja (46) und Johnny Haeusler (48) erzählen die Geschichte in ihrem klugen Buch „Netzgemüse“, einem etwas anderen Ratgeber zur „Aufzucht und Pflege der Generation Internet“. Mit Spreeblick betreibt das Paar einen der bekanntesten Blogs. Beide sind schon lang im Internet zuhause, aber anders als ihre 10 und 13 Jahre alten Söhne haben sie im Jugendalter keine „Internet-Planschphase“ erlebt. Für die Generation ihrer Kinder ist das Web so selbstverständlich wie für andere Wasser - der Nachwuchs stört sich auch nicht an bekloppten Kommentatoren.

Weil sie es satt hatten, dass viele vom Netz immer nur als „Hort des Unheils“ und „der Zukunft des Grauens“ sprechen, haben sie „Netzgemüse“ geschrieben. Es soll Eltern die Angst nehmen und sie zur Medienerziehung erziehen. Wer wissen will, wie man bei Facebook sein Konto sicherer macht, sollte im Netz schauen. Dort findet man nützlichere Hilfe, als sie ein Buchautor geben könnte.

Die Haeuslers schreiben dafür mit Enthusiasmus und Selbstironie über ihren Alltag. Man erfährt, dass YouTube nicht nur Verarsche-Videos zeigt, sondern viel mehr Lernfilme und dass die Kinder im Web besser geschützt sind als anderswo, „denn Missbrauch findet nicht virtuell statt“.

Vieles ist überraschend: Studien zeigen, dass das Internet trotz unzähliger Pornoseiten keine Sexmonster aus Kindern macht - wenn man ihnen erklärt, was Liebe ist. Und bei Opfern von Cyber-Mobbing plädieren die Autoren für mehr statt weniger Internet: „Es gilt, Kinder stark zu machen und mit ihnen über die Schattenseiten des menschlichen Wesens zu reden.“ Denn das Web ist nur ein Abbild der analogen Welt.

Das Buch macht Lust auf das Internet - trotz allen Ärgers. Gerade hat Johnny Haeusler in seinem Spreeblick-Blog dazu aufgerufen, dass wir uns das Internet zurückerobern. Statt uns nur noch bei Facebook, Twitter und Co. rumzutreiben, sollten wir wieder eigene Blogs betreiben, die nicht einfach umgestaltet oder abgeschaltet werden können. Denn, so heißt es, in „Netzgemüse“: „Unsere Freiheit hört dort auf, wo die Geschäftsbedingungen der Anbieter anfangen.“

Tanja und Johnny Haeusler: Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet. Goldmann, 288 Seiten, 9,99 Euro. Wertung: fünf von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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