Seelenheil in Gott: Nina Hagen sang Gospel und Blues in der Martinskirche

Keine Angst vor dem Teufel

Sang einst Punk, jetzt Gospel: Nina Hagen auf ihrer „Kirchentour Unplugged“ in der Kasseler Martinskirche. Foto: Malmus

Kassel. Nina Hagen auf christlicher Mission: Einst Deutschlands Esoterikkönigin, die Außerirdische und Ufos gesehen haben will, hat sie ihr Seelenheil nun in Gott gefunden. Auf ihrer Unplugged-Kirchentour interpretierte die kürzlich getaufte Sängerin am Samstag vor 400 Zuschauern in der Kasseler Martinskirche christliches Liedgut von Gospel über Blues bis Country und Pop.

Für Nina-Hagen-Verhältnisse war ihr Auftritt harmlos, ja fast bieder. Optisch hielt sie sich im dezenten Schwarz zurück, nur ihre rosa Haarschleife glitzerte im Licht der Scheinwerfer. Gesanglich verzichtete sie auf Provokationen. Gluckser und Grunzer kamen ihr gar nicht über die Lippen. Nur ab und an schickte sie schrille Töne durch das Kirchenschiff und rollte genüsslich das „R“, während sie die Augen weit aufriss und mit den Armen über die Bühne ruderte.

Auf die großen Gesten mochte sie aber nicht verzichten. Die Hand Richtung Decke gestreckt, hauchte sie ins Mikro „Danke, Jesus“, bis auch der letzte verstanden hatte, dass sie im Christentum angekommen ist. „Ich habe Respekt vor Gott“, moderierte Nina Hagen den Titel „God’s Radar“ an. „Aber keine Angst vorm Teufel.“ Und streckte ihm als Beweis die Zunge raus.

Frieden, Freiheit, Glauben – das forderte Nina Hagen immer wieder. Darauf ausgerichtet war auch ihr musikalisches Programm: Ehrfürchtig sang sie „We shall overcome“ und ersetzte mit ihrem Organ problemlos einen mehrköpfigen Gospelchor. Angenehm besinnlich ihre Versionen von Joan Osborns „One Of Us“ und Michael Jacksons Hymne „We Are the World“. Schließlich „Personal Jesus“, das sich dankenswerterweise mehr am Depech-Mode-Klassiker orientierte als an der Marilyn-Manson-Verunglimpfung.

Ihre Begleitband, Gitarrist Warner Poland, Keyboarder Fred Sauer und Bassist Michael O’Ryan, hielt sich dabei im Hintergrund. Gut so, denn was das Trio von sich gab, war maximal mittelklassig. Mehrmals verpasste es seinen Einsatz.

Nina Hagen gab sich davon unbeeindruckt. Zu Höchstform lief die 55-jährige Berlinerin bei den wenigen deutschen Stücken auf. Gänsehaut erzeugte sie bei der theatralisch inszenierten Brecht-Nummer „Im Gefängnis zu singen“ und Theodor Fontanes „Das Trauerspiel von Afghanistan“.

Nina Hagen hat das Kind in sich nicht abgelegt. Sie bleibt schrill, ist aber ruhiger und bedächtiger geworden. Gott tut ihr gut.

Von Stefan Morisse

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