Kelly Cae Hogan brilliert in der Kasseler Oper „Lady Macbeth von Mzensk“

Kassel. Statt amerikanischem Traum ein russischer Albtraum. Statt einem optimistischen „Jeder kann es schaffen“ die fatale Botschaft: Diese verkommene Gesellschaft schafft jeden. Sie macht ihn zum Tyrannen, zum Vergewaltiger, zum Mörder oder aber zum Jammerlappen, Trinker und feixenden Zuschauer.

Dmitri Schostakowitsch ergreift in seiner 1934 uraufgeführten Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ Partei für die vernachlässigte und unterdrückte Katerina Ismailowa, die zur dreifachen Mörderin an ihrem Schwiegervater, ihrem Mann und einer Nebenbuhlerin wird. Und Michael Schulz, Generalintendant des Gelsenkirchener „Musiktheaters im Revier“, erzählt als Regisseur der Kasseler Neuinszenierung ihre Geschichte ganz im Sinne des Komponisten.

Noch bevor der erste Ton erklingt, wälzt sich Katerina (Kelly Cae Hogan) schlaflos im Bett und zieht sich Strümpfe an - ein wichtiges Requisit. Damit wird sie am Ende die Nebenbuhlerin erwürgen. Ein Strumpf symbolisiert in der Liebesnacht mit Sergej das männliche Geschlechtsteil, ein Strumpf ist auch die Maske, mit der sich Katerinas Liebhaber Sergej anfangs tarnt.

Strümpfe, einige Birkensetzlinge, ein Waschzuber, Feldbetten, eine einfache Tür - Schulz benötigt nicht viel, um in dem flexiblen weißen Bühnenraum mit runder Deckenöffnung (Bühne: Dirk Becker) die Szenarien abzubilden: das Haus, den Hof, die Polizeistation, den Marsch der Verbannten.

Nur ein Gazevorhang trennt Realität und Imagination - und die verschwimmen leicht: Ist der tote Schwiegervater Boris, der Katerina erscheint, nicht Stalin? Er ist es - und er wird nach dreieinhalb Stunden als Letzter auf der Bühne die Toten in Augenschein nehmen. Eine kleine Rache am Diktator, der diese Oper verbieten ließ.

Wie Schulz Realität, Groteske und Symbolik in diesem Gesellschaftsbild verknüpft, ist grandios, ebenso seine Genauigkeit im Detail: Allein Katerinas kurzes Erschauern beim Anblick ihres getöteten Ehemanns widerlegt das Bild von der eiskalten Mörderin.

Die Amerikanerin Kelly Cae Hogan, erstmals Gast in Kassel, ist als Katerina ein Glücksfall: So komplex kann diese Figur erscheinen: hochmütig, leidenschaftlich, kaltblütig, heiß liebend und tief verzweifelt. Hogans stimmliche Reserven sind bewundernswert, ihre Lyrismen müssen ergreifen.

Damit überstrahlt sie das gu- te Ensemble, aus dem Renatus Mészàr als bassmächtiger Boris und Luca Martin als stimmlich wie darstellerisch flexibler Sergej herausragen. Darstellerische Kabinettsstückchen bieten Johannes An als Dorfdepp („der Schäbige“) und Krzysztof Borysiewicz als zynischer Pope.

In Bestform agieren auch der Opern- und der Extrachor. Als Zuschauer und Akteure einer Vergewaltigung, als verkommener Polizistenhaufen und als besoffene Hochzeitsgesellschaft geben sie das satirische Hintergrundbild jener miesen Gesellschaft ab, vor das Schostakowitsch seine Heldin stellt.

Extrem muten auch heute noch die musikalischen Mittel an, derer sich Schostakowitsch bedient. Gewalttätig und lärmend ist diese Musik nicht nur in den wilden 124 Takten, die den Liebesakt von Katerina und Sergej bis zum Erschlaffen mit jaulenden Posaunenglissandi illustrieren. Grotesk bezeichnend wird sie auch, wenn der Pope in einer heiteren Polka über den eben verstorbenen Boris sinniert. Und wenn im zentralen der fünf Orchesterzwischenspiele, einer Passacaglia, das monoton repetierte Bassthema das Aufbegehren des Orchesters zähmt, wird Aussichtslosigkeit hörbar.

Kassels Musikchef Patrik Ringborg formt diese Musik - die mitunter durch eine Bläserbanda noch gesteigert wird - kraftvoll, jedoch mit Klangsinn und Differenzierungskunst.

Rhythmischer Beifall im ausverkauften Haus (bei einzelnen Buhs) belohnte die Akteure dieses tollen Opernabends. Wieder am 2., 6., 18. und 26.11. Karten: Tel. 0561 / 10994-222.

Von Werner Fritsch

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