Bruno Ganz und das Delian-Quartett glänzten beim Kultursommer Nordhessen

Er kennt das Zauberwort

Ein Abend voller Poesie: Bruno Ganz und das Delian-Quartett in der Reithalle am Marstall von Schloss Wilhelmshöhe. Foto: Schachtschneider

Kassel. „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“ Mit diesen Zeilen von Eichendorff eröffnete Bruno Ganz den Kultursommerabend „Nachklänge“ in der ausverkauften Kassel-Wilhelmshöher Reithalle am Marstall.

Ein gern gewähltes Motto für ein literarisch-musikalisches Programm - doch wer trifft schon das Zauberwort? Bruno Ganz, der 69-jährige Schweizer Großschauspieler, Träger des Iffland-Ringes, ist im Besitz dieses geheimnisvollen Schlüssels, der Gedichte und Prosatexte so aufschließt, dass ein Auditorium auch nach fast drei Stunden noch gebannt ist.

Fast ein wenig zerbrechlich wirkt er auf der rustikalen Bühne im kragenlosen weißen Hemd. Nur selten hebt er einmal einen Finger, rückt die Brille zurecht, verstärkt mit einer kleinen Geste, was seine Stimme an Bildern und Musik transportiert. Literarisch-musikalisch, dieses Attribut hätte auch gegolten, hätte nicht das Delian-Quartett mit passend gewählten Streichquartettsätzen einen Kontrapunkt gesetzt.

Denn wenn Ganz Gedichte wie Rilkes „Liebeslied“ (Wie soll ich meine Seele halten...) liest, wenn er Goethes „Nähe des Geliebten“ (Ich denke dein...) rezitiert, wenn er Hermann Hesses „Die leise Wolke“ vorträgt, dann verwandelt er mit seiner tief grundierten, nur ein klein wenig rauen Stimme die Worte selbst in Musik.

Als wollte das 2007 gegründete Delian-Quartett mit Adrian Pinzaru und Andreas Moscho (Violinen), Aida-Carmen Soanea (Viola) und Romain Garioud (Violoncello) Bruno Ganz an Verfeinerung noch übertreffen, spielte es die Sätze von Haydn, Bach (aus der „Kunst der Fuge“) und Purcell mit subtiler Piano-Kultur und ziselierter Artikulation. Ein Gegenbild zum vorherrschenden kraftvollen Streichquartett-Sound.

Szenenwechsel nach der Pause: Bilder und Personen aus zwei Geschichten von Hans-Christian Andersen erweckte Bruno Ganz mit seiner suggestiven Erzählstimme zum Leben. Den lustigen „kleinen Klaus“, einen pfiffigen armen Bauern, der über den reichen „großen Klaus“ triumphiert. Aber auch das frierende „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ berührte die Zuhörer in der aufgeheizten Scheune und fand im elegischen Andante mesto aus Puccinis „Crisantemi“ einen zarten Nachklang.

Ohne Zugabe entließen die gut 400 Zuhörer die Künstler aber nicht: Rilkes „Abschied“ und das Lamento aus Purcells „Dido and Aeneas“ beschlossen den Abend voller musikalischer Sprache und sprechender Musik.

Von Werner Fritsch

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