200. Todestag von Johann Gottfried Seume

Im Kerker und zu Fuß bis Syrakus

Johann Gottfried Seume

Er war Abenteurer, Aufklärer, Altphilologe, Übersetzer, Hauslehrer, unglücklich Liebender, „halb Soldat und halb Sklav“, wie er schrieb, und Deutschlands „berühmtester Wanderer“, wie Goethe ihn nannte: Johann Gottfried Seume starb am Sonntag vor 200 Jahren.

Sein „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“, erschienen ein Jahrzehnt vor Goethes „Italienischer Reise“, machte ihn berühmt. Neun Monate ging Seume von Grimma, wo er als Lektor beim Verleger Göschen arbeitete, über Prag und Rom zu Fuß nach Syrakus (Sizilien) und über Paris zurück. „Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft“, glaubte er.

Anders als Goethe suchte Seume kein Idealbild der Antike, sondern gesellschaftliche Realität. Die sah der 1763 im sächsischen Poserna geborene Bauernsohn, der sich in Leipzig habilitierte, kritisch: „Die geheime Geschichte der sogenannten Großen ist leider meistens ein Gewebe von Niedertracht und Schandtaten.“

Dabei hatte Seume, der die Ziele der Revolution verfocht, zweimal auf der falschen Seite gestanden. 1781 floh er aus dem Theologiestudium, als er in Vacha von Werbern aufgegriffen und in der Festung Ziegenhain eingekerkert wurde („ein Teufelsnest, wo gewiss vor Zeiten eine Öffnung nach dem Styx gewesen sein muss“), ehe er vom Landgrafen den Briten verkauft, nach Nordamerika verschifft wurde. In Kämpfe des Unabhängigkeitskriegs geriet Seume nach wochenlanger Überfahrt, „gedrückt, geschichtet und gepökelt wie die Heringe“, nicht mehr. Dann desertierte er, wurde verhaftet, aufgrund einer Kaution kam er frei.

Später trat Seume freiwillig als Adjutant in russische Dienste ein, 1792/93 war er Leutnant der Besatzungstruppen in Warschau, ein Jahr saß er in polnischer Gefangenschaft.

Zeit seines Lebens war Seume mittellos, auf Gönner angewiesen. Das Geld für den Kuraufenthalt in Teplitz (Böhmen), wo er am 13. Juni 1810 starb, hatte er sich geliehen. Drei Tage nach seinem Tod kam die Nachricht, dass sein Gesuch um eine Pension erfolgreich beschieden sei.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.