Jim Kerr von den Simple Minds: "Ein junges Album"

„Sie werden alle großen Hits hören“: Jim Kerr von den Simple Minds. Foto: dpa

Seit Mitte der 80er veröffentlichen die Simple Minds - größter Hit: „Don’t You (Forget About Me)“ - in wechselnder Besetzung immer neue Platten. Am 3. März kommen sie nach Kassel. Frontmann Jim Kerr über die Geschichte der Band und das aktuelle Album „Big Music“.

Ich hatte das Glück, die Simple Minds 1986 als Austauschschüler in Kalifornien zu sehen - noch im Zeitalter der Schallplatten und Kassetten. Es gab damals nicht mal CDs. Was hat sich seither verändert?

Jim Kerr: Gute Frage. Im Bezug auf die Technik und den Vertrieb von Musik hat sich alles geändert. Wir hätten uns damals das Internet und die sozialen Medien überhaupt nicht vorstellen können. Oder dass man auf einem Telefon Musik hören kann. Das alles war Science-Fiction. Viele Plattenfirmen sind untergegangen, Plattengeschäfte sind verschwunden, Musikzeitungen -die ganze Musikindustrie ist betroffen. Aber was die Simple Minds angeht, da hat sich auf eigenartige Weise in fundamentaler Hinsicht überhaupt nichts verändert: Wir halten nach einer Melodie Ausschau, nach Textzeilen, nach Atmosphäre und Emotionen. Wir nehmen es auf, tragen es um die Welt, geben jeden Abend woanders ein Konzert. Insofern hat sich für uns seit 1986 gar nichts geändert.

Was bedeuten Streamingdienste wie Spotify für Musiker? Sind sie eine Gefahr? 

Kerr: Diese Einstellung ist mir vertraut, aber es gibt keinen Weg zurück in die Vergangenheit. Man bekommt diesen Geist nicht wieder in die Flasche. Es ist, wie es ist. Und alles, was einem die Möglichkeit gibt, Musik zu hören, ist doch gut - gerade in einer Welt, in der es so viele andere interessante Dinge zu tun gibt. Früher war Musik natürlich von anderem Nutzwert, man kaufte nur wenige Platten, sie waren teuer und etwas wirklich Besonderes. Man zog einen anderen Wert daraus, das war eine andere Kultur. Ich bin glücklich und stolz, dass ich ein Teil dieser Kultur gewesen bin. Spotify, Youtube, das ist wie ein Glas Wasser - es ist einfach da. Aber das hat wiederum auch viele Vorteile. Jemand schickt dir nur einen Link - und du entdeckst vielleicht etwas Großartiges. Und vielleicht kaufst du das. Man kann ja immer noch Musik auch kaufen.

Haben Sie sich selbst seit 1986 verändert? 

Kerr: Ja, davon bin ich überzeugt. Damals wurde ich erwachsen, zum ersten Mal Vater, ich wurde mir vieler Dinge zum ersten Mal bewusst. Ich bin mit dieser Person immer noch verbunden. Ich lebe in Glasgow nur eine Meile von meiner alten Schule entfernt und zwei Meilen vom Ort meiner Geburt. Es gibt noch alte Verbindungen, aber ich möchte gern daran glauben, dass man reift und sich entwickelt.

Mögen Sie es, die alten Hits zu singen, oder machen Sie das Publikum lieber mit Ihrem neuen Songmaterial vertraut? 

Kerr: Wir haben ein langes Leben in der Musik, das müssen wir akzeptieren. Wenn Menschen ins Konzert kommen, wollen sie diese lange Reise nachvollziehen. Wir spielen Lieder aus jedem Abschnitt, vom Anfang wie ganz aus der Gegenwart. Das ist wirklich eine Kunst, ein großartiges Set zusammenzustellen. Wir haben zehn, zwölf Lieder, die wir immer spielen, und die andere Hälfte verändern wir. Sie werden alle die großen Hits hören.

Was ist neu an Ihrem neuen Album? Wie hat sich Ihre Musik verändert?

Kerr: Ein Merkmal des Albums ist, dass ihm etwas eigentlich Unmögliches gelingt: Es schaut zurück, weckt alte Erinnerungen zum Leben, aber ist kein Retro-Album, sondern trotzdem ganz zeitgenössisch, ein junges Album. Es klingt wie im Moment entstanden. Das liegt sicher daran, dass zurzeit viele Musiker von den 80ern inspiriert sind, nicht nur die Simple Minds.

Sie geben auf der ganzen Welt Konzerte. Unterscheidet sich das Publikum in verschiedenen Ländern? 

Kerr: Ganz bestimmt. Wir haben das Glück, dass die Besucher überall mitziehen, sie singen jeden Abend mit, bilden große Chöre. Aber zweifelsohne ist das in Italien anders als in Japan.

Und in Deutschland? 

Kerr: Die Deutschen haben die Simple Minds von Anfang an ermutigt und bestärkt, dafür sind wir sehr dankbar. Wirklich eine fantastische Unterstützung. Wir mögen das Land mit seinen so unterschiedlichen Gegenden.

Haben Sie Gelegenheit, die Städte kennenzulernen, in denen Sie auftreten? 

Kerr: Ja, manchmal, vor allem, wenn wir öfter dort aufgetreten sind oder einen freien Tag hatten. Dann laufen wir rum. Man lernt eine Stadt nicht kennen, aber spürt schon die jeweilige Atmosphäre.

Es ist vermutlich das erste Mal, dass Sie nach Kassel kommen... 

Kerr: Nein, wir waren schon mal da, ein oder zwei Mal in all den Jahren. Ich kenne es nicht wirklich - aber vielleicht ändert sich das jetzt. Hoffentlich.

1985 haben Sie beim Live-Aid-Konzert mitgemacht. Glauben Sie, Popmusik kann die Welt verbessern? 

Kerr: Nein, so würde ich das nicht formulieren. Aber Kultur hilft, Meinungen zu bilden. Musik ist ein Teil davon. Nelson Mandela hat gesagt, er habe wirklich starke Unterstützung durch die Musiker bekommen. Er hat sie gefühlt. Mit Musik verbreiten sich Auffassungen, Haltungen, sie prägt eine Generation. Als Sie uns 1986 in Kalifornien sahen, haben wir für Amnesty International geworben. Amnesty kennt jetzt jeder. Nicht wegen der Simple Minds. Und es gibt so viel verschiedene Musik. Aber ob ich glaube, dass John Lennon die Menschen zum Nachdenken gebracht hat? Das glaube ich in der Tat.

Was halten Sie von der Entscheidung der Schotten, weiter ein Teil Großbritanniens zu bleiben? 

Kerr: Ich habe mich aus der Debatte rausgehalten. Viele Prominente haben sich geäußert, ich habe meine Meinung für mich behalten. Was ich toll fand: Viele Leute haben zum ersten Mal gewählt, viele junge Leute haben sich engagiert, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Es war gut, dass es diese intensive Auseinandersetzung gab.

In Großbritannien ist die europafeindliche Partei Ukip im Aufwind. Sie reisen viel, geben überall Konzerte. Erleben Sie die Länder Europas als zusammengehörig? 

Kerr: Für mich ist Zusammensein das Ideal. Ich bin eine „Zusammen-Person“. Das ist leichter gesagt als getan, ich weiß. Es gibt das Alltagsgeschäft des Zusammenlebens. Und unterschiedliche Länder haben unterschiedliche Herausforderungen und Regeln, es ist schwierig, sich von einer zentralen Macht regieren zu lassen. Aber wenn Sie an die 100. Jahrestage des schrecklichen Ersten Weltkriegs denken: Wie großartig ist mein Leben, in dem ich nichts davon erdulden muss. Die Kultur mag jeweils einzigartig sein, aber ich bin für Zusammenarbeit.

Spielen Sie noch so gern Fußball? 

Kerr: Selten. Ich sage Ihnen was: Man wird älter. Die Gefahr ist zu groß, dass ich wegen einer Verletzung eine Tour absagen muss. Dann bekomme ich Ärger mit der Versicherung. Wenn man jünger ist, muss man über sowas nicht nachdenken.

Simple Minds: Big Music (Embassy of Music/Warner)

Konzert am 3. März, 20 Uhr, Stadthalle Kassel. HNA-Kartenservice: Tel. 0561/203204

Zur Person

Der gebürtige Glasgower Jim Kerr (55) ist seit ihrer Gründung 1978 Sänger der New-Wave- und späteren Rock-Pop-Band Simple Minds. Kerr war mit Pretenders-Sängerin Chrissie Hynde und Schauspielerin Patsy Kensit verheiratet. Der Vater zweier Kinder lebte zeitweilig in Taormina auf Sizilien („ein Teil meines Herzens“). Alle Simple Minds sind Celtic-Glasgow-Fans. Ihre Songs untermalen seit einigen Jahren die Krombacher-Werbung. Kerr allerdings trinkt keinen Alkohol.

Von Mark-Christian von Busse

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