Zu Gast im Kulturzelt Kassel

Kettcar-Sänger Wiebusch: "Junge Musiker sind feige Schweine"

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Machen Pop und Politik: Die fünf Musiker der Hamburger Band Kettcar mit Sänger Marcus Wiebusch (vorn).

Kaum eine andere deutsche Band bezieht politisch so klar Stellung wie Kettcar. Vor dem Auftritt im Kasseler Kulturzelt kritisiert Sänger Marcus Wiebusch junge Musiker und Stars wie Helene Fischer.

Der Auftritt von Kettcar am 12. August im Kasseler Kulturzelt könnte einer der Höhepunkte der heimischen Festival-Saison werden. Mit ihrem sehr politischen Comeback-Album "Ich vs. Wir" hat die Hamburger Indiepop-Formation im Herbst für  Gesprächsstoff gesorgt. Dafür gab es viel Lob, aber auch Kritik. Im Interview erklärt Sänger Marcus Wiebusch (49), wie es sich anfühlt, als "Peter Maffay der Indie-Generation" beschimpft zu werden.

In Ihrem Hit "Sommer '89" über einen Flüchtlingshelfer an der österreichisch-ungarischen Grenze haben Sie auch die Kasseler Berge in einer Zeile verewigt. Wie oft sind Sie selbst dort über die A7 gefahren?

Wiebusch: Sehr oft. Wer von Nord nach Süd will oder umgekehrt, für den führt kein Weg daran vorbei. Auf jeder Urlaubsfahrt sind wir darunter gebrettert. Je schlechter das Auto ist, desto mühsamer sind die Kasseler Berge. Mittlerweile haben wir einen guten Tourbus. Da denken wir nicht mehr: "Oh, nein, gleich kommen die Kasseler Berge."

Laut Meinung vieler Kritiker war "Ich vs. Wir" das wichtigste deutschsprachige Pop-Album des vorigen Jahres. Auch wenn von Sven Regener der Satz stammt, dass ein Musiker nicht mehr dazu berufen sei, die Welt zu retten, als ein Klempner: Inwiefern haben Ihre politischen Lieder das Land verändert?

Wiebusch: Ich tue mir etwa schwer mit solchen Dimensionen wie das Land verändern.Wir sehen das auch etwas anders als Sven Regener. Man darf nicht so tun, als bestünde Politik nur aus denen da oben, die das für uns schon machen. Wenn man sich für ein soziales Miteinander einsetzt, kann das ganz kleinteilig funktionieren. Um mitzureden, muss man nicht 22 Semester studiert haben. In Songs wie "Sommer '89" geben wir keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Vielmehr zeigen wir, dass es ein sehr sympathischer Move ist, wenn sich Menschen über Zäune hinweg helfen. Für mich als Musiker ist es wichtig, solche Denkanstöße zu geben. Wir dürfen Politik nicht denen da oben überlassen.

Darum ist es auch gut, dass gerade über "Sommer '89" sehr viel geredet wurde. Was ist für Sie da hängengeblieben?

Wiebusch: Dass es sehr, sehr kompliziert ist, in Zeiten wie diesen etwas Politisches zu formulieren. Kategorien wie Rechts und Links sowie Recht und Unrecht werden immer weiter aufgeweicht. Trotzdem muss man sich dagegen wehren, dass unsere Politik immer mehr neoliberale Tendenzen bekommt. Andere können ja genauso laut sagen, dass das Quatsch ist, was ich meine.

Sie haben damals andere Musiker und Kulturschaffende aufgefordert, zusammenzuhalten gegen Egoisten und Rechtspopulisten. Als es nun zum Echo-Eklat um Kollegah und Farid Bang kam, hat es einige Zeit gedauert, bis viele Musiker gegen die antisemitischen Zeilen protestierten. Zahlreiche jüngere Stars blieben bis heute stumm. Warum ist das so?

Wiebusch: Weil das feige Schweine sind. Die Jungen sind eindeutig feige. Als Campino beim Echo Stellung bezogen hat, sah das vielleicht nicht cool aus, und es war auch ein bisschen staatstragend, aber es war von vorne bis hinten richtig. Wer das bezweifelt, hat den Schuss nicht gehört. Campino hat sich ins Feuer begeben und musste dafür einiges einstecken. Jüngere Künstler gerade aus dem HipHop wollen sich dagegen nicht die Finger verbrennen. Sie wollen einfach ihre ruhige Kugel weiterschieben. Das ist ein Zeichen der Zeit.

Für diese Zeit steht vor allem Helene Fischer.

Wiebusch: Sie ist die wirkungsmächtigste Künstlerin unserer Zeit. Niemand verkauft mehr Platten. Sie hat am meisten Einfluss. Aber erst nach Tagen, nachdem sie wohl bekniet wurde, hat sie sich auch mal zu dem Fall geäußert - in einer fast schon esoterischen Anwandlung.

Aber was hat Helene Fischer, die so unangefochten ist, zu verlieren?

Wiebusch: Fans. Ihre Anhänger wollen ums Verrecken nicht, dass sie eine politische Meinung raushaut - auch wenn sie noch so nachvollziehbar wäre. Die wollen einfach weiter den "Atemlos durch die Nacht"-Schwachsinn hören. Helene Fischer soll bloß nicht zu irgendetwas eine Haltung entwickeln. Etwas wie Antisemitismus ist nicht vorgesehen in dieser Schlagerwelt. Deshalb verhält sich Helene Fischer ja auch nie zu irgendwas. Aber was weiß ich: Ich stecke nicht in Helene Fischers Kopf.

Trotz des vielen Lobs für "Ich vs. Wir" haben Sie auch einiges einstecken müssen. Es hieß, Sie würden nur für die Menschen in der linksalternativen Filterblase singen. Wie sehr trifft es einen ehemaligen Punk-Musiker, wenn er als Konsensrocker, Langweiler und Peter Maffay der Indie-Generation bezeichnet wird?

Wiebusch: Der Vergleich mit Peter Maffay ist pure Polemik und der Vorwurf mit der linken Filterblase totaler Quatsch. Wir werden ja auch vom Mainstream gehört. Unsere Alben gehen in den Charts auf Platz vier, und wir spielen auf großen Festivals. Zugleich versuchen wir einen Beitrag zum Diskurs zu liefern. Würden wir nur unsere Filterblase bedienen wollen, hätten wir etwa nicht die dritte Strophe von "Sommer '89" geschrieben, in der wir uns sehr kritisch mit linkem Dogmatismus auseinandersetzen. Wir versuchen, alle Menschen zu erreichen.

Auf Ihrem Solo-Album haben Sie vor vier Jahren über schwule Fußballer gesungen. Mittlerweile hat sich immer noch kein aktiver Bundesligaspieler geoutet. Wird der Tag jemals kommen?

Wiebusch: Ja, aber ich weiß nicht wann. Ich hätte es mir gewünscht, dass sich schon längst jemand dazu bekannt hätte. Aber Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Früher haben die Leute auch gedacht, dass es keine schwulen Politiker geben würde. Dass es so langsam läuft, ist nicht schön. Trotzdem wird es irgendwann so weit sein.

Ist der Solokünstler Marcus Wiebusch mittlerweile Geschichte? Oder werden Kettcar bald wieder eine Pause einlegen?

Wiebusch: Im Moment fühlt es sich mit Kettcar sehr gut an. Ich wüsste nicht, warum es mit der Band nicht weitergehen sollte. Mein Soloalbum ist ein Produkt dessen, dass sich das mit Kettcar 2012 nicht so gut angefühlt hat. Darum haben wir uns eine Pause genommen. Und nun fühlt es sich wie ein Comeback an. Ich liebe es, mit dieser Band Musik zu machen.

Wie groß war die Sorge, dass sich das nicht gut anfühlt? Ehepaare, die sich erst einmal trennen, kommen in den seltensten Fällen wieder zusammen.

Wiebusch: Das stimmt. Es stand zunächst immer auf der Kippe, ob es Kettcar weiterhin gibt. Denn ich glaube, dass man so ein Album nur aufnehmen kann, wenn fünf Freunde auf einem gemeinsamen Boden stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals wieder ein Album mache, wenn man sich nicht gemeinsam auf ein Ziel einigen kann.

Ihre Plattenfirma Grand Hotel van Cleef, die Sie unter anderem mit Thees Uhlmann führen, gibt es nun auch schon seit 17 Jahren. Wie gut geht es der Firma in Zeiten von Streamingdiensten wie Spotify?

Wiebusch: Man segelt hart im Wind. Es ist ein ständiges Ackern. Wir könnten niemals nur von Plattenfirmenerlösen leben. Darum haben wir unsere Firma ein bisschen breiter aufgestellt. Wir haben eine Booking-Agentur, einen Verlag und Merchandise. Außerdem machen wir kleine Festivals. Reich wird keiner von uns, aber wir überleben. Man muss ständig neue Wege suchen. Musik wird immer gehört, aber durch Spotify und Youtube sind die Leute daran gewöhnt, dass man nichts mehr dafür ausgibt. Irgendwann zahlen sie dann doch 180 Euro für eine Karte bei Rock am Ring. Das machen sie, weil sie es geil finden und eine Leidenschaft für Musik haben. Die haben wir auch.

Kettcar spielen am 12. August (19.30 Uhr) im Kasseler Kulturzelt, An der Drahtbrücke. Tickets beim HNA-Kartenservice.

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Zur Person

Geboren: am 19. Juli 1968 in Hamburg

Karriere: Der Sänger und Gitarrist begann in der Punkband ... But Alive und der Ska-Formation Rantanplan. 2001 gründete er die Indie-Rockband Kettcar, die mit Tomte zum Aushängeschild der Hamburger Musikszene wurde. Mit Tomte-Sänger Thees Uhlmann und Kettcar-Bassist Reimer Bustorff betreibt Wiebusch die Plattenfirma Grand Hotel van Cleef.

Privates: Lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Hamburg und ist seit 29 Jahren Dauerkartenbesitzer beim FC St. Pauli.

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