Kindergeburtstag nicht nur für Mädchen: We Invented Paris im Schlachthof

Kassel. Mein Kumpel hatte keine Lust auf das Konzert von We Invented Paris im Schlachthof. Das sei Mädchenmusik, sagte er und blieb zu Hause. Dem zweiten Indiepop-Album des europäischen Künstlerkollektivs aus Basel fehlen tatsächlich ein bisschen die Ecken und Kanten.

Und trotzdem hätte es dem Mädchenmusik-Verächter gefallen im rappelvollen Kulturzentrum. Ein Konzert von We Invented Paris wäre sogar dann ein Ereignis, wenn man taub wäre.

Ein Künstler hat auf der Bühne vor Schüsseln Glühbirnen aufgebaut, die im Takt leuchten. Im Schlachthof sieht es aus wie bei der documenta. Zum Lied „Bubbletrees“ lässt das Quartett mehrere Dutzend Luftballons in den Club bringen, die die 150 begeisterten Fans den ganzen Song über in der Luft halten, als sei das hier ein Kindergeburtstag.

Und schließlich setzt sich Sänger und Gitarrist Flavian Graber mitten in den Saal, die Besucher hocken sich um ihn herum, und dann stimmt er auf einem indischen Harmonium ein Requiem an, das er für seine Freunde schrieb, deren Frauen an Krebs gestorben sind. Zum Weinen schön.

Die Musik von We Invented Paris ist abwechslungsreich und reicht von Power-Pop über Chansons bis zu psychedelischem Britpop. Als die Schweizer vor dreieinhalb Jahren anfingen, wollte sie kein Veranstalter buchen. Also gaben sie kostenlose Wohnzimmerkonzerte. Nach zwei Alben und einem von Frauen und Männern umjubelten Konzert in Kassel, das der Electropop-Alleinunterhalter Julius Gale perfekt eröffnet hatte, sind We Invented Paris nun reif für höhere Aufgaben.

Übrigens: Mein Kumpel ärgert sich immer noch schwarz, zu Hause geblieben zu sein.

Von Matthias Lohr

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