Neu im Kino

Doris Dörries Komödie „Alles inklusive“: Hippie-Diva mit Zickentochter

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Neustart am abgewrackten Pool: Apple (Nadja Uhl) mit ihrem Hund Dr. Freud und Ingrid (Hannelore Elsner).

Was ist aus dem Hippietraum geworden? Damals verkaufte sie Schmuck am spanischen Strand, trug Blumenkränze im Haar, lebte das einfache Leben im Idyll. Heute trägt Ingrid (Hannelore Elsner) zwar immer noch Batiktunika, doch Torremolinos ist kaum wiederzuerkennen.

Ihre Tochter mit dem Hippiekind-Namen Apple (Nadja Uhl) hat sie nach der Hüft-OP hierher bugsiert, eine Reha konnte Ingrid sich nicht leisten.

Scheußliche Betonburgen lassen den Strand fast verschwinden, die peinliche Animation am Pool und die Schnäppchentouristen, die am Buffet das Essen schaufeln: zum Fremdschämen. Ingrid bewegt sich wie ein exotischer Vogel durch diese Welt.

Doris Dörrie verzahnt in ihrer Komödie „Alles inklusive“ Geschichten von Schuldzuweisung und Neu-Zurechtfinden im Leben. Sie schneidet Szenen aus Torremolinos gegen solche aus München, wo Apple in ihrer neurotischen Lebens-Untüchtigkeit erotische Dates vermasselt und nicht aufhören kann zu betonen, dass ihre Mutter sich nie um sie gekümmert hat.

Es gibt quietschbunte Rückblenden in die Hippie-Vergangenheit, wo bereits jener Tim eine Rolle spielt, der heute in Ingrids Hotel als Schlagersänger und Fußpfleger in Frauenkleidern auftritt (Hinnerk Schönemann). Und am Ende sitzen alle zusammen in der Sommernacht, und es öffnet sich womöglich doch die Tür in eine bessere Zukunft.

Vor allen in den kleinen, vermeintlich unscheinbaren Nebenszenen gelingt es Doris Dörrie, eine einzigartige Stimmung zwischen Melancholie und Fröhlichsein zu erzeugen. Dazu reichen ihr schon die ewig zum Schwan gefalteten Handtücher auf dem Hotelbett, in deren missglücktem Glamour die ganze Tristesse des Pauschalurlaubs aufscheint. An diesen Stellen knüpft sie an ihr Meisterwerk „Kirschblüten - Hanami“ an.

Allzu oft aber werden die Gags zu oberflächlich („Weißer Neger Wumbaba“) und zu kalkuliert an den Start gebracht, besonders, wenn die hüftlahme französische Bulldogge Dr. Freud durchs Bild geschleppt wird.

Ein furioses Rollenporträt zeichnet Hannelore Elsner. Freigeistig, aber egoistisch, sich irgendwann doch ihrer Defizite stellend. Und in einer Sexszene mit Axel Prahl als strähnchenblondierter Poolbekanntschaft Helmut mit Mini-Badehose unter der Plauze. Wie die beiden orgiastischen Höhen entgegenschaukeln, während Ingrid auf der Gitarre „There Is A House In New Orleans“ klampft – das ist grandios.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Wertung: Drei von fünf Sternen

www.hna.de/kino

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