Interview: Die iranische Künstlerin Shirin Neshat über ihr Spielfilmdebüt „Women without Men“

„Kino ist Grundnahrungsmittel“

Lebt in beiden Welten: Künstlerin Shirin Neshat stammt aus einer iranischen Kleinstadt und lebt heute in New York. Foto: dpa

Die iranische Künstlerin Shirin Neshat ist bisher vor allem mit Videoarbeiten aufgefallen, zum Beispiel bei der Kasseler documenta XI mit „Tooba“ (siehe Hintergrund). Ihr erster Spielfilm „Women without Men“ reist zurück in den Iran des Jahres 1953. Die 53-Jährige setzt eine poetische Zeitreise in Szene, in deren Zentrum vier Frauen stehen.

Ihr Film spielt im Iran des Jahres 1953, als Premierminister Mohammed Mossadegh durch einen Staatsstreich gestürzt wurde. Wofür stehen diese Ereignisse in der Geschichte des Iran?

Shirin Neshat: Das Jahr 1953 ist ein Schlüsselmoment in der jüngeren iranischen Geschichte. Mossadegh war der erste demokratische Führer im Iran und geriet in die Kritik, weil er die Ölindustrie verstaatlichen wollte. Einen Tag nach dem erfolgreichen Staatsstreich begann der Schah mit der Liquidierung der Opposition. Nach dem Putsch lief die Geschichte des Iran in eine fatale Richtung. Die fundamentalistischen Moslems verfolgten die Ereignisse damals, und als sich die antiamerikanische Stimmung in der Bevölkerung durch die brutale Politik des Schahs immer weiter verstärkte, nutzten sie die Gelegenheit zur Machtergreifung.

Sie sind im Iran aufgewachsen, leben aber schon lange in den USA. Wo fühlen Sie sich als Künstlerin zu Hause?

Neshat: Auf der einen Seite ist meine Arbeit fest in der Kultur und Poesie des Iran verankert. Auf der anderen Seite habe ich im Westen studiert und dadurch eine eurozentristische Sicht auf die Kunst.

Ihr Film arbeitet stark mit Metaphern und Symbolen.

Neshat: Im Iran fühlen wir uns in dieser Form von Poesie zu Hause, weil wir über eine so lange Zeit zensiert wurden. Iraner nutzen Bilder, Allegorien und Symbole, um das auszudrücken, was sie nicht direkt sagen dürfen.

Drei Frauen finden in einem Garten Zuflucht. Wofür steht dieser paradiesische Ort?

Neshat: Der Garten ist in der iranischen Kultur ein sehr wichtiges Bild. Er ist ein Ort spiritueller Transzendenz und andererseits im politischen Sinne eine Metapher für Freiheit.

Gibt es im heutigen Iran noch solche Rückzugsorte?

Neshat: Viele Menschen flüchten sich aufs Land, um der Überwachung und Gängelung durch Regierung, Armee, Polizei und Revolutionswächter aus dem Wege zu gehen.

Dies ist Ihr erster Kinospielfilm. Zuvor haben Sie vornehmlich mit Videoinstallationen gearbeitet. Wie schwer war der Übergang?

Neshat: Am Kino gefällt mir, dass es näher an den normalen Menschen ist. Kino ist ein Grundnahrungsmittel. Museen und Galerien sind sehr viel elitärer. Man muss sehr gebildet sein, um die zeitgenössische Kunst verstehen zu können.

Von Martin Schwickert

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