Berlinale: Heute beginnen die Internationalen Filmfestspiele – Stars, Traditionen, Schwerpunkt Flucht

Kino und das Recht auf Glück

Andrang am roten Teppich: Der Berlinale-Palast am Potsdamer Platz ist Zentrum der Filmfestspiele. Foto:  dpa

Berlin. Aussehen wie ein Filmstar: Mit einer knallroten Lippenstift-Edition, die die Berlinale erstmals herausgibt, kann man diesem Ziel jetzt näher kommen. Auf dass der Mund farblich exakt mit dem Roten Teppich harmoniere, der heute zum Auftakt der Internationalen Filmfestspiele vor dem Berlinale-Palast ausgerollt wird. Bis 20. Februar werden 500 000 Besucher bei 981 Vorführungen in 60 Kinosälen erwartet. 434 Filme aus 77 Ländern sind zu sehen.

Aktuelle Weltlage

Das Recht auf Glück sieht Festivaldirektor Dieter Kosslick als Oberthema der Filmauswahl zur 66. Auflage des Festivals. Entsprechend laufen zahlreiche Filme zum Thema Flucht und Krieg. Zwei Beispiele: Der syrische Regisseur Avo Kaprealian hat für „Manazil bela abwab“ über Jahre aus seiner Wohnung Kämpfe auf den Straßen Aleppos gefilmt. Philipp Scheffner macht in „Havarie“ den Dreiminutenclip eines Kreuzfahrttouristen, der ein Schlauchboot mit Flüchtenden filmt, zum Ausgangspunkt einer Filmreflektion über mediale Bilder von Flucht. Die Berlinale lädt außerdem Flüchtlinge zu Festivalvorführungen ein.

Der deutsche Film

Es gibt einige Koproduktionen mit deutscher Beteiligung. In der Königsklasse des Festivals, im Wettbewerb, ist der deutsche Film nur mit einer Position vertreten: „24 Wochen“, Anne Zohra Berracheds Porträt eines Paares, das zu entscheiden hat, ob es sein schwerbehindertes Kind zur Welt bringen will. 151 deutsche Filme listet die Statistik auf, die mit Spannung erwartete „Anne Frank“-Verfilmung von Hans Steinbichler läuft aber im Jugendprogramm Generation 14plus.

Tom Tykwer („Ein Hologramm für den König“) und Maren Ade („Toni Erdmann“) werden sich mit ihren neuen Filmen statt für Berlin womöglich für Cannes bewerben, Nicolette Krebitz war mit „Wild“ beim Sundance Festival. In 14 Jahren Festivalleitung durch Dieter Kosslick ist der deutsche Film allerdings stets gefördert worden. Es gab Jahre, wo im Wettbewerb etwas schwächere deutsche Beiträge liefen, was prompt ebenso kritisiert worden war.

Topliga

Bekannte Namen finden sich im diesjährigen Portfolio durchaus, auch wenn sich die Regiestars nicht gerade drängen: Im Wettbewerb Thomas Vinterberg, Spike Lee oder André Techiné, in anderen Reihen etwa Doris Dörrie, Michael Moore, Wayne Wang und Susanne Bier.

Formenvielfalt

Das Festival will Film in all seinen Formen abbilden, von Rauminstallation bis Blockbuster. Es werden erneut Fernsehserien gezeigt, allen voran die zweite Staffel von „Better Call Saul“. Auch die BBC-Produktion „Love, Nina“ mit Helena Bonham Carter als Nanny im London der 80er-Jahre wird mit Spannung erwartet.

Eine Herausforderung für Zuschauer wie Festivaldisponenten sind die Mammut-Filme: „Hele Sa Hiwagang Hapis“ von Lav Diaz erzählt in acht Stunden vom philippinischen Unabhängigkeitskampf - und das als Wettbewerbsfilm, wo man immerhin Ehrengäste unterbringen muss. Epos-Expertin Ulrike Ottinger (Documenta11) braucht gar zwölf Stunden für „Chamissos Schatten“ über die Erforschung der Nordwest-Passage durch Adalbert von Chamisso.

Tradition AUFleben lassen

Die Berlinale feiert stets die Tradition des Kinos, dieses Jahr etwa mit der Restaurierung des Fritz-Lang-Klassikers „Der müde Tod“ von 1921 und mit einer Retrospektive, die sich dem ost- und westdeutschen Film 1966 widmet. Exemplarisch für den Geist des Festivals steht Ben Barenholtz, der mit der Berlinale-Kamera ausgezeichnet wird. Der einstige Kinobetreiber in Manhattan machte sein Filmtheater zu einer Plattform für die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung. Er gründete einen Filmverleih, produzierte Filme – wurde Motor der Independent-Szene. Kino und Film als Ort gesellschaftlicher Debatte – das ist genau der Anspruch der Berlinale.

Von Bettina Fraschke

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