Interview mit Lars Kraume zum Filmstart am Donnerstag

Kino-Regisseur Kraume: „Fritz Bauer ist ein leuchtendes Vorbild“

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Idealbesetzung: Burghart Klaußner als Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der den NS-Verbrecher Adolf Eichmann jagte.

Fritz Bauer hat die Auschwitz-Prozesse vorbereitet und Adolf Eichmann zur Strecke gebracht. Nun kommt ein spannender Politthriller über den ehemaligen Generalstaatsanwalt ins Kino.

Im Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“ über die Vorbereitungen zum Frankfurter Auschwitz-Prozess war Fritz Bauer voriges Jahr nur eine Nebenfigur. Nun setzt Regisseur Lars Kraume dem ehemaligen Frankfurter Generalstaatsanwalt ein besonderes Filmdenkmal.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ erzählt, wie Bauer sich gegen große Widerstände daranmacht, Adolf Eichmann, einen der Organisatoren des Holocaust, festzunehmen. Über dieses unbekannte Geschichtskapitel sprachen wir mit Kraume, der seinen Film mit Hauptdarsteller Burghart Klaußner zum Kinostart Donnerstag (20 Uhr) im Kasseler Bali vorstellt.

Fritz Bauer ist ein durch und durch positiver Held. Warum findet man von denen so wenig im deutschen Film?

Lars Kraume: Weil es nicht viele gab. Gerade in den 50er- und 60er-Jahren sucht man nach positiven Identifikationsfiguren sehr lang. Fritz Bauer ist eines der wenigen leuchtenden Vorbilder.

Warum wird Fritz Bauer, über den die Öffentlichkeit bis vor Kurzem nur wenig wusste, gerade jetzt wiederentdeckt - mit Ausstellungen und Filmen?

Kraume: Vielleicht weil er seine humanistischen Ziele gegen den Widerstand der Mehrheit eingefordert hat. Diese Mehrheit war womöglich gar nicht so traurig, dass Fritz Bauer nach seinem Tod in Vergessenheit geriet. Welchen Anteil er an der Verhaftung Adolf Eichmanns hatte, hat er bis zu seinem Tod geheim gehalten. Bis heute weiß kaum jemand, dass er hinter der Festnahme durch den Mossad steckte.

Die Zusammenarbeit mit dem israelischen Geheimdienst hätte damals Landesverrat bedeutet. Wieso haben Sie einen Politthriller und keine Filmbiografie gedreht?

Kraume: Biopics haben ein großes Problem. Meist sehen die Filme so aus: Erst passiert das, dann passiert das und dann etwas ganz anderes. Die Dramaturgie eines Films ist aber dann stark, wenn man im dritten Akt zu einer Schlussfolgerung kommt, die dem Zuschauer eine tiefere Bedeutung über die Figur liefert. Wenn man 2015 einen Film über einen historischen Kontext dreht, braucht man einen Grund, warum das heute interessant ist. Fritz Bauers Kraft, gegen den Zeitgeist aufzustehen, ist etwas Inspirierendes zu jeder Zeit und in jedem Land. Chilenen und Argentinier, die den Film gesehen haben, sagten uns: „Diese Figur spricht auch zu uns.“

Wie sind Sie auf den großartigen Burghart Klaußner gekommen, der hier das Gegenteil spielt von dem Pastor aus Michael Hanekes „Das weiße Band“?

Kraume: Burghart war eine Idee meiner Castingagentin Nessi Nesslauer. Er hat als Schauspieler die Erfahrung, das richtige Alter, die Körperlichkeit, die Intelligenz, das politische Bewusstsein und den Humor, der für Bauer wichtig war.

Der schwule junge Staatsanwalt Karl Angermann wird von Ronald Zehrfeld gespielt. Wie wichtig war diese erfundene Figur für den Film?

Kraume: Wichtig ist diese Rolle vor allem, weil es um den Paragrafen 175 geht, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte und den die Bundesrepublik von den Nazis übernommen hatte. Der Paragraf ist ein wichtiges Symbol für Bauers Forderung, die in Deutschland immer noch herrschende Tyrannei nicht länger zu erdulden. Seine eigene Homosexualität ist nur insofern belegt, da er im dänischen Exil mit homosexuellen Prostituierten von der Polizei erwischt wurde. Wir wollten das im Film nicht weiter ausbauen, weil es sonst keine historischen Quellen gibt.

Wie wichtig war es Ihnen, die Zeit originalgetreu darzustellen - und zwar ohne Kitsch?

Kraume: Unsere Szenenbildnerin Cora Pratz hat gesagt: „Mir kommt kein Nierentisch in den Film.“ Wir wollten die 50er-Jahre vor allem als bleierne graue Zeit zeigen. Denn neben diesem Wirtschaftswunder-Halligalli gibt es diese Depression, die über allem liegt.

Was können wir heute noch von Fritz Bauer lernen?

Kraume: Dass man eine Lüge eine Lüge nennen muss - egal wie groß der Widerstand ist.

Zur Person

Lars Kraume

Geboren: am 24. Februar 1973 in Chieri (Italien)

Studium: an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin

Wichtigste Filme: „ Dunckel“ (1998), „Guten Morgen, Herr Grothe“ (2007). Für den „Tatort“ erfand Kraume die Frankfurter Kommissare Conny Mey und Frank Steier.

Privates: Vater zweier Kinder, lebt mit seiner Familie in Berlin.

Der echte Fritz Bauer

Fritz Bauer (1903-1968) war einer der großen Aufklärer der Nachkriegszeit. Als hessischer Generalstaatsanwalt (ab 1956) bereitete der Sohn jüdischer Schwaben, der acht Monate im KZ war, ehe er nach Dänemark floh, den Frankfurter Auschwitz-Prozess vor. Er rehabilitierte die Widerstandskämpfer und brachte Adolf Eichmann zur Strecke. Im dänischen Exil war er 1943 eine Scheinehe eingegangen.

In Kassel

Zum Kinostart am Donnerstag kommen Regisseur Lars Kraume und Hauptdarsteller Burghart Klaußner ins Kasseler Bali-Kino im Kulturbahnhof. Beginn: 20 Uhr.

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