Neu im Kino: Terrence Malicks „The Tree of Life“

Moment des Glücks: Brad Pitt als Vater mit seinem Sohn R. L. ( Laramie Eppler). Foto: Concorde

Mit der Taschenlampe nachts im Bett lesen. Sich vor der Mutter in der Gardine verbergen. Vom Vater am Esstisch zur aufrechten Haltung ermahnt werden. In der Pfütze planschen. Auf dem Baum dem Licht entgegenklettern. Den Bruder ärgern. Das Fahrrad ins Gras werfen und zum Fluss rennen. Auf den Dachboden flüchten. Einsam sein. Weinen.

Terrence Malicks Film „The Tree of Life“ ist eine Sinfonie der Kindheit. Der große Filmpoet geht in seinem radikalen Werk konsequent weg von einer Handlung, hin zu einer assoziativen und religiösen Meditation des Menschwerdens. Das brachte ihm die Goldene Palme in Cannes.

Den größten Teil seines 138-Minuten-Epos erzählt Malick die Geschichte eines Jungen, der im Nachkriegsamerika aufwächst. Erzählen bedeutet hier: Bilder zeigen, Mini-Szenen oder Augenblicke, die vom Heranwachsen in Erinnerung bleiben. Die Momente folgen schnell aufeinander, die schwebende, ruhelose Kamera Emmanuel Lubetzkis bleibt auf Augenhöhe eines Kindes, sodass die Gesichter der Erwachsenen oft gar nicht vollständig zu sehen sind.

Weil der Filmemacher Zeitkolorit und äußeres Geschehen auf ein Minimum reduziert, entsteht so etwas wie eine Essenz des Heranwachsens. Der Fokus liegt dabei auf dem jungen Jack (Hunter McCracken, als Erwachsener: Sean Penn). Auf ihn bezogen erklärt Malick seine Weltsicht, in der das männliche Prinzip des Überlebens des Stärkeren / des ewigen Machtkampfes und der Natur und das weibliche Prinzip der Gnade / des Geschehenlassens und der umfassenden Liebe gegenübergestellt werden. Die Eltern (Brad Pitt und Jessica Chastain) stehen für diese gegensätzlichen Lebenssichten. Jack reibt sich an seinem Vater und dessen autoritärem Antreiberstil, bis er erkennt, wie ähnlich er ihm ist.

Wer sind wir? Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Terrence Malick stellt diese existenziellen Fragen in einen tief religiösen Zusammenhang als Suche nach Gott und hat dabei keine Scheu vor der Bedeutungsschwere. Flüsternde Off-Stimmen befragen den Schöpfer unentwegt nach dem Grund für das Leiden in dieser Welt. Doch wenn Sean Penn am Ende in einem strandartigen Jenseits landet, wo betende Frauen ihre Hände zum Sonnenlicht recken, ist die Esoterik-Kitschgrenze überschritten.

Gewöhnungsbedürftig ist auch die Unterbrechung der Familienerzählung durch eine lange Sequenz, die die Entstehung der Erde im Stil einer Naturdoku bebildert - von Sonneneruptionen über wuselnde Einzeller zur Ausbreitung von Leben in den Ozeanen.

Trotz dieser Einschränkungen überwiegt aber das Staunen darüber, wie tief emotional dieser Filmemacher uns in sein gewaltiges Bilduniversum hineintauchen lässt. Malicks Filmpoesie ist einzigartig.

Genre: Filmmeditation

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Bettina Fraschke

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