Fritz Langs rekonstruierter Stummfilmklassiker „Metropolis“ in Kassel mit dem Staatsorchester aufgeführt

Kino wird zum Live-Erlebnis

Das Kasseler Opernhaus als Kino: Zur Projektion des Films „Metropolis“ spielte das Staatsorchester die Original-Filmmusik von Gottfried Huppertz. Die Filmszene zeigt Brigitte Helm als Maria mit Arbeiterkindern aus der unterirdischen Stadt. Foto: Malmus

Kassel. Sekunde für Sekunde springt der Uhrzeiger in Großaufnahme weiter. Und exakt synchron, mit 60 Schlägen in der Minute, kommen dazu die rhythmischen Impulse aus dem Orchester. Das sind die Momente, in denen jeder mitverfolgen kann, wie perfekt der Dirigent Helmut Imig das Kasseler Staatsorchester steuert, wie schlafwandlerisch sicher er die Musik des Komponisten Gottfried Huppertz den Filmbildern von Fritz Langs „Metropolis“ unterlegt.

Bei der Berlinale 2010 wurde die vollständig rekonstruierte Urfassung dieses vormals verstümmelten filmischen Meisterwerks erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Dass diese Fassung nun im Kasseler Opernhaus mit Live-Musik gezeigt werden konnte, verdankt sich einer Zusammenarbeit des Staatstheaters mit dem Kasseler Filmladen, der mit diesem Ereignis vor vollem Haus sein 30-jähriges Bestehen feierte.

Bei der Rekonstruktion des Films war man den umgekehrten Weg der Live-Synchronisation gegangen: Anhand der Partitur wurde die Schnittfolge der 2008 in Buenos Aires wieder aufgefundenen Filmsequenzen ermittelt.

Synchronizität ist bei einer filmmusikalischen Live-Aufführung zwar sehr wichtig, aber nicht alles, Imig und das Staatsorchester bewiesen mit ihrem mitreißenden Spiel, wie live gespielte Musik für eine besonders starke emotionale Grundierung sorgen kann (beim Stummfilm besonders wichtig).

Das Monumentale der Stadt Metropolis, ihre maschinengetriebene Existenz finden in der mit viel Blechbläsereinsatz üppig instrumentierten Musik ebenso ihren Ausdruck wie die Mühsal der gedrückten Arbeiter und die Gefühle der Protagonisten. Und mit seiner Richard Wagner abgeschauten Leitmotiv-Technik gibt der Komponist der Filmhandlung auch inhaltlich Struktur.

Anders als manche Filmmelodien, die zu Evergreens wurden, hat Huppertz’ Musik eine rein dienende Funktion. Losgelöst vom Film wäre die Zweieinhalb-Stunden-Partitur kein Konzertrenner. Im Zusammenspiel mit den Filmbildern aber entfaltet die spätromantisch aufgeladene Musik ihre suggestive Wirkung. Davon zeugte am Ende auch der lang anhaltende Jubel im Opernhaus.

Von Werner Fritsch

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