Neu im Kino: Xavier Dolans toller Liebesfilm „Herzensbrecher“

Verliebt in den gelockten Engel: Francis (Xavier Dolan, von links) möchte Nick (Niels Schneider) für sich gewinnen, doch seine Freundin Mary (Monia Chokri) hat dasselbe Ziel. Foto: Kool Filmdistribution

Er sitzt am Tisch, lächelt, schüttelt die blonden Locken und raucht - das reicht. Mehr muss Nick (Niels Schneider) nicht bieten, um von Francis (Xavier Dolan) und Mary (Monia Chokri) auf ein Podest gehoben und zum Inbegriff der eigenen Sehnsucht erklärt zu werden.

Der 22-jährige Kanadier Xavier Dolan zeichnet in seinem zweiten Film „Herzensbrecher“ als Autor, Regisseur, Schauspieler, Cutter und Mitproduzent in Personalunion ein ruhiges, aber amüsantes Porträt über das Verliebtsein: in all seiner Heftigkeit, Kürze und Oberflächlichkeit. Wer hier tiefe Gefühle erwartet, dem sei von diesem Film abgeraten. Wer aber die Erkenntnis nicht scheut, dass plötzliche Liebe oft nicht mehr ist als die Begeisterung für das Verliebtsein an sich, der darf sich auf einen unterhaltsamen Abend freuen.

Mary und Francis sind Freunde. Sie extravagant, er zurückhaltend. Nick, der gerade erst nach Montreal gezogen ist und jetzt bei ihnen am Tisch sitzt, ist nicht ihr Typ. Das versichern sie sich postwendend. Ihre Blicke wandern trotzdem immer wieder zu dem „coolen Schönling“, und der Zuschauer erkennt: Auf das gesprochene Wort darf in diesem Film nicht viel gegeben werden, die Wahrheit spricht aus den Bildern.

Obwohl Nick als Charakter ein Geheimnis bleibt, verlieben sich beide in ihn. Die Freundschaft wird zum verdeckten Konkurrenzkampf. Nick seinerseits badet in der offensichtlichen Begeisterung für seine Person und lässt die beiden auf der Stelle treten.

Ewig kann dieses Spielchen nicht währen, denn die Liebe ist schnell verflogen, wenn nicht wahre Gefühle, sondern der Rausch des Verliebtseins der Antrieb allen Werbens ist. Was bleibt, sind keine Tränen, sondern despektierliches Desinteresse am einstigen Objekt der Begierde und ein neuer Kandidat für das aufregende Spiel mit der Liebe.

Es ist eine Wonne, die beiden Charaktere bei ihren Balzritualen zu beobachten, die einen nicht selten an Szenen der eigenen Vergangenheit erinnern dürften: Die kindliche Freude über eine Einladung, das überdimensionierte Zurechtmachen im Vorfeld, der erhabene Moment einer zufälligen Berührung, die Enttäuschung darüber, dass alles anders verläuft, als die Fantasie es vorschreibt.

Eine ewige Liste - auch deshalb, weil Dolan sie von leidgeplagten Verliebten fortführen lässt. An mehreren Stellen tauchen Personen auf, die in Interviews von ihren Erfahrungen mit der Liebe berichten. Sie kontrastieren und strukturieren die Handlung, sind aber nur eines von vielen stilistischen Mitteln, deren sich Dolan bedient. Zeitlupen und Farbfilter verleihen den Bildern eine dem Thema entsprechende zärtliche Ästhetik.

Dolan verzichtet darauf, das Hauptaugenmerk seines Films auf eine komplexe Geschichte zu legen. Sein Verdienst liegt darin, dass es ihm auf sehr ästhetische und unterhaltsame Weise gelingt, einen Gefühlszustand Film werden zu lassen.

Genre: Liebesfilm

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Alexandra Müller

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