Das Kinojahr 2012: Ein Rollstuhl auf der Überholspur

Filmhits des Jahres: „Ziemlich beste Freunde“ (von links) mit Omar Sy und Francois Cluzet, Daniel Craig als James Bond in „Skyfall“ Robert Pattinson und Kristen Stewart im Vampirfilm „Twilight - Biss zum Ende der Nacht 2“, Martin Freeman ist „Der Hobbit“, Josefine Preuß und Elyas M’Barek in „Türkisch für Anfänger“, Jean Dujardin und Bérénice Bejo im Schwarz-Weiß-Film „The Artist“ und das animierte Faultier Sid in „Ice Age 4“. Montage: Trolp

Ein querschnittsgelähmter Oberschichttyp wird von Senegalesen aus dem  Vorstadt-Ghetto gepflegt: Wer Anfang des Jahres gewettet hätte, dass ein Film mit dieser Handlung der Kassenknüller des Jahres geworden wäre, hätte viel Geld machen können.

„Ziemlich beste Freunde“ war der große Kinoerfolg 2012. Keine Vampir-Lovestory, kein Fantasy-Gedöns reichten an den toll gemachten, unsentimentalen und wirklich witzigen Streifen von Olivier Nakache und Éric Toledano heran: 8,9 Millionen Besucher schauten ihn an.

Die Nummer eins der Jahres-Kinocharts zeigt einen großen Filmtrend des Jahres: Gepunktet wurde mit klassisch erzählten Geschichten für eine Generation von Besuchern, die dem Schulhof längst entwachsen ist. Das Kino macht zunehmend Angebote für die mittlere bis ältere Besuchergeneration – jene, die nicht denken, auf dem Smartphone-Display ließe sich der gleiche Filmgenuss erleben wie auf der Leinwand.

Die Magie des Kinos im Blick – kein Zufall, dass beide Oscar-Abräumer des Jahres eine Hommage an die Filmgeschichte zelebrierten: Michael Hazanavicius inszenierte mit „The Artist“ einen schwarz-weißen Stummfilm, Michael Scorsese erzählte in „Hugo Cabret“ ein Märchen aus den Anfangstagen des Kinos.

Auch „Skyfall“ war eine Verbeugung vor der Filmtradition. Zum 50. Jubiläum der James-Bond-Filmreihe schuf Sam Mendes einen ebenso rasanten wie klassischen 007-Film, der sich in die Riege der besten Bonds einordnete und das Genre trotzdem innovativ voranbrachte. Damit erreichte er Platz zwei der Kinocharts, sieben Millionen Besucher.

Auf den Plätzen drei und vier folgen 3D-Animationsabenteuer in Fortsetzungen: „Ice Age 4“ (6,6 Mio. Zuschauer) und „Madagascar 3“ (3,8 Mio. Zuschauer): 3D als Erzählmedium für die sensationshungrige jüngere Kinoklientel bleibt wichtig. Regiemeister wie Ang Lee („Life of Pi“) und Peter Jackson („Der Hobbit“) gewinnen der Technik aber auch neue Facetten ab. Sie schufen poetische Räume und noch intensivere Leinwanderlebnisse - wie Jackson, der mit einer erhöhten Bildrate experimentierte. In den zwei Wochen, die sein „Hobbit“ im Kino läuft, erreichte er bereits fast drei Millionen Zuschauer.

Die Branche ist zufrieden. Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher, erwartet für 2012 ein Besucherplus von zwei bis drei Prozent (von 130 auf 135 Mio. Zuschauern) und ein Umsatzplus von drei bis vier Prozent – auf bis zu einer Milliarde Euro.

Der deutsche Film mit einem Marktanteil von rund 18 Prozent blieb 2012 unauffällig, „Türkisch für Anfänger“ liegt hier mit 2,4 Millionen Besuchern vorn. Eine große Aufgabe der letzten Jahre haben die deutschen Kinos aber gemeistert: Die Umstellung auf digitale Technik ist fast abgeschlossen, so Klingsporn. Nun soll der nächste Schritt folgen: Die interaktive Vernetzung mit den Zuschauern für besseren Service bei mobilen Kartenkäufen und das Eingehen auf Kundenwünsche. (mit dapd)

Von Bettina Fraschke

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