Kirsten Boie hat Kinderbuch über Flüchtlinge geschrieben

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Angekommen in Deutschland: Kirsten Boies Geschichte der syrischen Flüchtlingsfamilie hat Jan Birck („Die wilden Fußballkerle“) eindrücklich illustriert.

Sie gilt als deutsche Astrid Lindgren und hat zahlreiche Bestseller geschrieben. In ihrem neuen Kinderbuch erzählt Kirsten Boie von Flüchtlingen. Im Interview macht sie uns allen Hoffnung.

Das neue Buch von Kirsten Boie erzählt von Bomben in Syrien, Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer und dem Neuanfang in einem fremden Land. Es sind nicht die klassischen Themen für ein Kinderbuch - und trotzdem möchte man „Bestimmt wird alles gut“ sofort allen Mädchen und Jungen im Bekanntenkreis schenken. Die Hamburger Autorin hat sich von zwei syrischen Kindern die Geschichte ihrer Flucht erzählen lassen. Wir sprachen mit der 65-Jährigen, die der Star der deutschen Kinder- und Jugendliteratur ist.

Glauben Sie in diesen Tagen noch daran, dass alles gut wird? 

Kirsten Boie: Ich habe zumindest die Hoffnung. Ohne die sieht es düster aus. Ich glaube, dass es nicht so leicht wird, wie wir im Sommer gedacht haben. Es ist aber großartig, dass die meisten Menschen mitmachen. Gleichwohl dürfen wir die nicht aus den Augen verlieren, die Ängste haben. Das sind oft Leute aus dem Niedriglohnsektor, die sich um ihre Jobs sorgen und sich rechts positionieren, die aber vielleicht gar nichts rechts sind.

Die syrische Familie, von der Sie erzählen, haben Sie in einem Heim kennengelernt. Ist das Buch Reportage oder Literatur? 

Die deutsche Astrid Lindgren: Die Hamburger Kinderbuchautorin Kirsten Boie. Foto: Malzkorn

Boie: Die Familie war in einer Wohnung in der Nähe von Hamburg untergebracht und wird von einer Freundin betreut, die wie eine Oma für die Kinder ist. Ich hätte auch über andere Kinder schreiben können, deren Geschwister im Mittelmeer ertrunken sind, aber das erschien mir zu dramatisch für Leser im Grundschulalter. Das Buch ist eine Mischform aus Reportage und in Details veränderten Szenen. Ich habe etwa die Namen der Kinder geändert, um sie zu schützen. Sie glauben gar nicht, wie oft ich gefragt wurde, ob man die nicht in eine Sendung einladen könnte. Das wäre für die Kinder fatal.

Das Buch ist zweisprachig - deutsch und arabisch. Lesen auch Flüchtlingseltern ihren Kindern die Geschichte vor, die sie selbst durchgemacht haben? 

Boie: Das wäre schön, denn es könnte eine heilsame Wirkung haben. Mein Verlag und ich fanden es wichtig, nicht nur über die Menschen zu sprechen. Die Betroffenen sollen selbst verfolgen können, wie über sie gesprochen wird.

Was ist aus der Familie im echten Leben geworden?

Boie: Sie lebt jetzt seit drei Jahren in Deutschland und hat eine Wohnung. Die Kinder sprechen so gut deutsch wie ihre deutschen Mitschüler. Sie sind gut integriert, nur der Vater kann immer noch nicht in seinem Beruf arbeiten.

Auch in vielen anderen Ihrer Werke stehen Kinder im Mittelpunkt, die in anderen Kinderbüchern nur selten auftauchen. Woran liegt das? 

Boie: Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir Autoren in der Regel zur bildungsbürgerlichen Mittelschicht gehören und uns beim Schreiben erst einmal Kinder aus diesem Milieu in den Sinn kommen. In meinen ersten Büchern tauchten nur Kinder aus behüteten Verhältnissen auf - bis mir klar wurde, dass ich die Kinder aus schwierigeren Milieus, die ich als Lehrerin an einer Brennpunktgesamtschule kennengelernt hatte, komplett ausgeschlossen hatte. Sie selbst werden diese Bücher wahrscheinlich nie in die Hände bekommen, weil viele kaum lesen. Aber die Kinder, denen es besser ergeht, werden sie lesen.

Wären Sie nie Schriftstellerin geworden, wenn das Jugendamt Sie nicht aufgefordert hätte, Ihren Lehrerberuf wegen zweier Adoptivkinder aufzugeben? 

Boie: Da bin ich mir tausendprozentig sicher. Trotzdem bin ich den Beamten alles andere als dankbar für ihre Entscheidung. Denn die Haltung, die dahintersteht, ist furchtbar. Mütter hatten damals zu Hause zu sein. Ich weiß gar nicht, wie viele Frauen nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten konnten, den sie geliebt haben.

Inwiefern wollen Sie mit Ihren Büchern die Welt auch ein Stück besser machen? 

Boie: Ehrlich gesagt, fänden wir das doch alle nicht schlecht. Wenn ich das schaffe - gern. Ich sehe aber die Grenzen meiner Möglichkeiten.

Was haben Sie eigentlich dagegen, wenn man Sie die deutsche Astrid Lindgren nennt? 

Boie: Nichts, das ist ein unglaubliches Kompliment, aber auch beängstigend. Es sind viel zu große Schuhe, in die ich wohl nicht hineinpasse.

Kirsten Boie, Jan Birck: Bestimmt wird alles gut. Klett Kinderbuch, 48 S., 9,95 Euro. Ab sechs Jahren. Wertung: fünf von fünf Sternen 

Zur Person

Geboren: am 19. März 1950 in Hamburg

Ausbildung: Deutsch- und Englischstudium, Promotion über Bertolt Brecht

Karriere: Seit 1985 hat Boie mehr als 100 Bücher geschrieben - darunter die „Möwenweg“- und „Ritter Trenk“-Reihen.

Privates:  Die Mutter zweier erwachsener Kinder lebt mit ihrem Mann bei Hamburg. Seit neun Jahren unterstützt sie ein Aids-Waisen-Projekt in Swasiland.

Nächstes Buch:  Der Kinderkrimi „Thabo: Detektiv und Gentleman - Der Nashorn-Fall“ erscheint am 22. Februar bei Oetinger.

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