Daniel Barenboim legt zwei Live-Alben mit Solowerken und den Konzerten vor

Klare Kante mit Chopin

Daniel Barenboim plays Chopin. Deutsche Grammophon, Wertung: (((;; Fotos: nh

Gegen den Jugendkult in der Pianistenszene ist im Frédéric-Chopin-Jahr 2010 ein Altmeister aufgetreten, der selbst einst als Klavier-Wunderkind Furore machte: Daniel Barenboim (68) hat das Dirigentenpult mit dem einsamen Stuhl des Pianisten vertauscht. In Warschau spielte er live ein Programm mit Solowerken des großen Polen, beim Klavierfestival Ruhr war er Solist der beiden Chopin-Konzerte - begleitet von „seiner“ Berliner Staatskapelle und dem Dirigenten Andris Nelsons.

Ab heute sind beide Konzerte als Live-Mitschnitte auf CD erhältlich und bieten interessante Erkenntnisse. Ausgerechnet Barenboim, der in seiner frühen Klavierkarriere als „Schönspieler“ und Poet am Klavier galt, präsentiert hier den schroffsten Chopin, den man im Jahr seines 200. Geburtstags zu hören bekam.

Niemals verliert sich Barenboim bei den Konzerten in romantische Gefühligkeit. Die Themen sind klar konturiert, manchmal sogar wie in Stein gemeißelt, die Tempi klassisch streng. Das zierliche Girlandenwerk in den langsamen Sätzen, das viele Pianisten wie klangliche Duftwolken versprühen, kommt bei Barenboim recht nüchtern und im Zeitmaß daher.

Den Werken geht dadurch nichts verloren. Im Gegenteil: Man erlebt Chopin als kraftvollen, strengen Komponisten, in dessen unverschnörkelten Melodien sich nicht diffuse Sehnsucht, sondern echte Trauer spiegelt. Dass in diesen Aufnahmen das Orchester mehr als üblich zu seinem Recht kommt, tut dem Mitschnitt ebenfalls gut.

Ähnlich klar spielt Barenboim auch das Warschauer Soloprogramm, das mit der sperrigen Fantaise op. 49 eröffnet wird. Wunderbar unsentimental ziehen Nocturnes, Walzer und die Berceuse (Wiegenlied) vorbei. Bei der b-Moll-Sonate merkt man aber, dass Barenboim - zumindest in einer Live-Situation - mit der technischen Souveränität der jungen Pianostars nicht mehr ganz mithalten kann. Hier sind etliche falsche Töne zu viel im Spiel.

Von Werner Fritsch

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