Rückblick 2011: In der Klassik-Szene nahmen sich die jungen Starpianisten des Jubilars Franz Liszt an

Klaviergenie und neue Talente

Khatia Buniatishvili

Im Meer der Klassik hat das Jahr 2011 größere und kleinere Wellen ausgelöst, und viele Surfer haben sie für ihre Kunststücke genutzt. Drei Beispiele:

 1. Das Liszt-Jahr

Gleich zwei Jahrestage verwiesen auf das Werk des Komponisten und ersten Starpianisten der Geschichte: Franz Liszt (1811-1886): sein 125. Todestag am 31. Juli und sein 200. Geburtstag am 22. Oktober. Eigentlich eine Chance, auch die weniger bekannten Seiten des riesigen Werks zu beleuchten, insbesondere die Kirchenmusik und die späten Klavierstücke, die schon weit voraus in die Moderne weisen.

Doch diese Erweiterung des Liszt-Bildes blieb aus. Dafür wurde das Klaviergenie umso ausgiebiger gefeiert. Das allerdings auf sehr hohem Niveau. Nicht nur, indem die großen Plattenlabels ihre besten Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten aus den Archiven holten. Auch neue Platten sorgten für Aufsehen: Lang Lang, der chinesische Superstar, entdeckte Liszt als Seelenverwandten („My Piano Hero“, Sony), die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili erschien mit fulminantem Liszt-Spiel neu auf der internationalen Bühne (Sony), und zwei Altmeister taten sich zusammen, um die Klavierkonzerte neu auszudeuten: Daniel Barenboim (Klavier), Pierre Boulez (Dirigent) und die Staatskapelle Berlin entwickelten dabei eine profilscharfe Lesart (Deutsche Grammophon). Doch nur der französische Piano-Philosoph Pierre-Laurent Aimard hat in seinem „Liszt Project“ (Deutsche Grammophon) den Meister als frühen Vertreter der Moderne neben Berg, Bartok und Messiaen entdeckt.

2. Netrebko auf dem Gipfel

Endgültig sind in diesem Jahr die Stimmen verstummt, die flüsterten, Anna Netrebko, dieser Sopran-Superstar unserer Zeit, sei überschätzt. Es war das Jahr der russischen Diva. Im Frühjahr wurde sie in Wien als Anna Bolena gefeiert, und im Spätherbst bescheinigte man ihr als Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni“ zum Saisonstart der Mailänder Scala, sie sei die Einzige gewesen, die der Produktion unter Maestro Barenboim Glanz verliehen habe.

Dagegen blieb auch der neue Shootingstar Anna Prohaska als Zerlina zurück. Fragt sich nur, welcher Tenor nun mit Anna Netrebko das Operntraumpaar bilden soll, da Rolando Villazon seine Stimmprobleme nicht loswird. Vielleicht der maltesische Tenor Joseph Calleja, der mit seinem Album „The Maltese Tenor“ die Kritik begeisterte (Decca). Netrebko zeigte 2011 übrigens ihre Klasse auf dem Album „Anna Live at the Metropolitan Opera“ (Deutsche Grammophon).

3. Kampf um Beethoven

Gibt es nicht schon zu viele Einspielungen der neun Beethoven-Sinfonien? Die Liste mit Namen von Karajan, Furtwängler, Kleiber bis Gardiner und Abbado ist ehrfurchtgebietend. Doch um Beethoven wird immer neu gerungen.

Drei höchst unterschiedliche Gesamtaufnahmen wurden in diesem Jahr vollendet. Mit viel Medienrummel wurde die Beethoven-Sicht bedacht, die Christian Thielemann mit den Wiener Philharmonikern entwickelt hat. Ein klanglich brillantes, im Detail sehr eigenwilliges, insgesamt aber doch traditionelles Beethoven-Dokument (Sony Classical).

Am radikalsten als supertransparente Ausdrucksmusik mit enorm drängenden Tempi begreift der Este Paavo Järvi Beethoven. Seine Einspielung mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen setzt Maßstäbe und wurde mit Preisen bedacht (RCA, Sony). Etwas von beiden Sichtweisen vereint die Aufnahme von Riccardo Chailly mit dem Leipziger Gewandhausorchester: Temporeiches Musizieren, verbunden mit einem großvolumigen sinfonischen Klang (Decca). Der Kampf um Beethoven geht also weiter.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.