Kleine Leute, große Träume im Kasseler „Gaunerstück“

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Tolles Trio: Die Schauspieler Christian Ehrich (Jesus Maria, von links), Uwe Steinbruch (Herr Wunder), Caroline Dietrich (Maria) im Gaunerstück.

Dea Loher gilt als erfolgreichste deutsche Dramatikerin. Auch ihr "Gaunerstück" ist ein Bühnen-Hit. Am Staatstheater Kassel kann es aber trotz toller Schauspieler nicht voll überzeugen.

Kassel. Es war schon ein Wunder, dass Maria nicht allein auf die Welt kam. Das Mädchen war gerade geboren, da zwängte sich noch ein Junge aus dem Leib der Mutter, mit dem niemand gerechnet hatte: „Jesus Maria“, staunte der Vater, womit der neue Erdenbürger auch gleich seinen Namen bekommen hatte. Ansonsten ist das Leben von Maria und Jesus Maria, von dem Dea Lohers „Gaunerstück“ am Kasseler Staatstheater erzählt, alles andere als ein Wunder.

Das Prekariatsdrama, das Regisseur Maik Priebe auf die Bühne des Tif (Theater im Fridericianum) gebracht hat, handelt von den beiden Geschwistern, mit denen es das Leben nicht gut meint. Der Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht, die Mutter trank. „Wir haben es nur dem Sozialstaat und unserer Willenskraft zu verdanken, dass wir noch nicht kriminell geworden sind“, heißt es zu Beginn der 90 rasanten Minuten.

Nun hoffen sie auf ein besseres Leben, für das sie eben doch zu Gaunern werden müssen: Ein Juwelier mit dem bezeichnenden Namen Herr Wunder beauftragt sie für einen fingierten Klunkerraub. „Noch eine Nacht müssen wir warten, dann sind wir reich und frei“, träumen Marias und Jesus Maria. Caroline Dietrich und Christian Ehrich spielen diese kleinen Leute so großartig, dass man die Figuren gleich in sein Herz schließt.

Das Problem des „Gaunerstücks“ ist, dass kaum etwas wirklich passiert. Fast alle Szenen werden nacherzählt. Das passiert temporeich, aber man fragt sich, was das Ganze zusammenhält. Susanne Maier-Staufen hat für das Tohuwabohu einen passenden Ort geschaffen. Auf der Bühne sieht es aus wie in einem vollgestopften Möbellager. Ständig werden Vorhänge auf- und zugezogen, damit neue Spielebenen zum Vorschein kommen.

Auf einer dreht Porno-Otto (Matthias Fuchs) Sexfilme, ehe er an Bauchspeicheldrüsenkrebs stirbt, auf einer anderen blickt die transsexuelle Wahrsagerin Madame Bonafide (Jürgen Wink) nicht sehr vertrauenerweckend in die Zukunft und weissagt, dass ein Fisch kaum zum Vogel werden könne. Maria und Jesus Maria träumen natürlich trotzdem vom Flug in die Freiheit, aber auch der Raub bei Herrn Wunder (Uwe Steinbruch), so viel ist schnell klar, wird ihnen nicht das große Glück bringen.

Hübsch ist Priebes Einfall, die Schauspieler in Videokameras sprechen zu lassen. Ihre Gesichter sieht man immer wieder in Großaufnahme auf den Vorhängen. Am Ende ist man trotzdem ratlos. Was bleibt von diesem „Gaunerstück“ außer ein bisschen Kapitalismuskritik? Vielleicht die Erkenntnis dass es ein Wunder wäre, wenn wir alle mal innehalten würden. Seine Mutter sei gar nicht am Alkohol zugrundegegangen, sagt Jesus Maria: „Immer am Rennen bleiben, obwohl du längst abgehängt bist, das hat sie kaputt gemacht.“

Nächste Vorstellungen im Theater im Fridericianum (Tif): 25. Februar und 1. März.

Karten: 0561/1094-222.

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