Die Berliner Band Bonaparte ist wieder da

Kleine Lieder von sinkenden Schiffen

Wenn Tobias Jundt in dem Song „Quaran-tine“ auf Englisch singt: „Ich habe einen Fehler in meinem Leben gemacht / Ich hätte Berlin niederbrennen sollen“, dann spielt er mit diesem Zitat Napoleon Bonapartes auf seine Hassliebe an, die ihn mit Berlin verbindet. Grund: Wetter blöd, halbe Stadt an Investoren verkauft.

In Berlin ist Jundts Band Bonaparte weltberühmt. Jetzt hat sie eine neue Platte aufgenommen: „Sorry We’re Open“. Der Schweizer Tobias Jundt ist Gitarrist, Sänger und derwischartig rumtobender Chefquirl dieses knallbunt zusammengewürfelten Haufens. Eigentlich sind Bonaparte ein Netz-Phänomen. „Anti-Anti“, dieser schrill-stumpfe Tanzüberhit des Debüts „Too Much“ aus dem Jahr 2008, hatte sagenhafte 1,5 Millionen Clicks auf Youtube. Das zu toppen, dürfte unmöglich sein. Man hat sich längst an Bonapartes amphetaminseligen Blechbüchsen-Sound gewöhnt.

Wenn man dem 34-Jährigen zuhört, wie er in schlaffem Tonfall erklärt, dass er nicht mehr wirklich in Berlin sein müsse, obwohl die Stadt schon noch irgendwie okay sei, und er als Familienvater nicht mehr der derbe Ausgeher sei, dann wundert man sich über die hitzige Energie des dritten Albums.

Schließlich feiern auch die Texte nicht. Sie erzählen kleine Geschichten von sinkenden Schiffen, von Drogen, die nicht mehr reinhauen, von verrutschter Kommunikation und Sprachlosigkeit und von der Unmöglichkeit zu wissen, wohin die Reise gehen soll. Allerdings, der Humor ist gallig, grell-komisch: „Dings genommen, eingepennt / schon wieder nicht den Müll getrennt.“

Weil das so ist, passt der Sound eben doch ganz gut. Und was sollten Bonaparte auch anderes spielen? Nix gelernt außer Casio-Gitarren-Schredder-Rock’n’Roll. Alles ein wenig hingepfuscht, absichtlich natürlich. Unter allerhand Verzerrungen, Quietschen und Rumpeln vergrabenes Songwriting, das bei genauerem Hinhören besser wird.

Doch was es vor allem braucht, ist die Liveband. Keine Bange, so lange Jundt sagt: „Am Ende des Tages ist Berlin immer noch eine wunderbare Stadt, um zu sein“, kriegt man sie auch weiterhin, die erforderliche Live-Dosis Bonaparte. Nicht nur in Berlin.

Bonaparte: Sorry, We’re Open (Warner), Wertung: !!!::

Von Michael Saager

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.