Gedenkkonzert an die Kasseler Pogromnacht und den Beginn des Nazi-Terrors in der Valentin-Traudt-Schule

Klezmer ist Sehnsucht und Freude

Voller Einsatz: Das Göttinger Klezmer-Projekt-Orchester. Foto:  Fischer

KASSEL. Über allem schwebt ein klagender Flötenton, bis die anderen Instrumente sich mit ihm verbinden. Eine melancholische Weise verzaubert die Turnhalle der Valentin-Traudt-Schule. Erinnerung an die Kasseler Pogromnacht am 7. November 1938. Erinnerung, getragen durch die Kraft der Musik.

Zum Konzert mit dem Klezmer-Projekt-Orchester Göttingen waren am Sonntag Hunderte gekommen. Drangvolle Enge in der Turnhalle, als Gastdirigent erläuterte Francois Lilienfeld die jüdische Musik, bevor das 15-köpfige Ensemble aufspielte: Die traditionellen Rhythmen der Bulgars und Horas, Musik zu Hochzeiten und chassidische Weisen. Lilienfeld selbst hatte die meisten der Titel für das kleine Göttinger Orchester arrangiert. Klezmermusik ist sehnsuchtsvoll, besinnlich, warm, schnell und rasant und im nächsten Moment ein wenig unscharf, wenn sich Klarinette und Cello aneinander reiben. Die traditionellen jüdischen Weisen haben viele andere Einflüsse in sich aufgenommen: Melodien, für das Überleben, wenn der Hochzeitsmarsch durch das Schtetl zog oder wenn die Schwiegermütter sich stritten. Der Dreiachteltakt war immer dabei. „Ihr müsst fröhlich sein, singen, tanzen und nicht immer trauern“, lautet die Botschaft.

Spiel Klezmer, spiel: Zum Jahrestag der Zerstörung der Kasseler Synagoge wurde dieses Programm zu einem Gedenken besonderer Art, von dem Publikum heftig beklatscht. Zuvor hatten Oberbürgermeister Bertram Hilgen und Regierungspräsident Walter Lübcke an die unrühmliche Rolle der Region im Jahr 1938 erinnert.

Zwei Tage vor der Reichskristallnacht war in Kassel und Nordhessen jüdische Kultur zerstört worden, als Probe. Eva Schulz-Jander von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit versicherte ebenso wie Pfarrer Dirk Stoll von der Philippus-Kirche, dass man ein Zeichen setzen wolle, auch gegen aufkeimenden Judenhass. „Ihr werdet nie wieder allein sein in unserem Land“, versicherte Schulz-Jander. Rabbiner Sholomo Freyshist gedachte in seinem Gebet der Opfer des Nazi-Terrors.

Von Juliane Sattler

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