Meisterschüler stellen im Gießhaus aus

So klingen die Bakterien

Töne aus der DNA: Anja Saran mit ihrer Klang-Maschine. Foto: von Busse

Kassel. „Wir beschäftigen uns alle mit elementaren Fragen“, sagt Harm-Heye Kanins-ki. Fragen an die Kunst und an das Leben: Was das Dasein ausmacht. Ob Utopien angebracht sind. Ob es Auswege aus der Krise gibt. Kaninski, der mittlerweile ein Referendariat in Hamburg absolviert, zählt zu den Meisterschülern der Kunsthochschule Kassel, die bis Sonntag gemeinsam im Gießhaus der Universität ausstellen.

Eine Fotografie zeigt ihn im Anzug, mit einem mächtigen Aktenkoffer in der einen, eine ausgestopfte Eule in der anderen Hand. Der Titel der Arbeit ist altgriechisch, übersetzt lautet er: „Eulen nach Athen tragen.“ Sind sämtliche Bemühungen, die europäische Finanzkrise einzudämmen, überflüssig, weil vergebens?

Die Menschen, die Ana Esteve Reig für ihre Videoarbeit in der Kasseler Kneipe „Mutter“ aufgenommen hat, wirken wie gelähmt. Paralysiert und voneinander abgeschottet. Die Haare hängen vorm Gesicht, niemand redet. Zu Gitarrenakkorden bewegen die Jugendlichen ruckartig den Kopf. Sie wirken müde, abgekämpft, erschöpft. Der Titel: „Don’t believe in me“, glaub nicht an mich. „Ich glaube daran, dass man nicht mehr an etwas glauben kann“, sagt die Spanierin, die seit fünf Jahren in Deutschland lebt und angesichts der Krise in ihrem Heimatland unsicher ist, wie es für sie weitergeht.

Früher war es selbstverständlich, im Wirken Gottes Erklärungen zu finden. In der Idee des Perpetuum mobile - einer Maschine, die ohne zugeführte Energie in Bewegung bleibt -, sollte ein göttliches Prinzip wiederhergestellt werden - weil sich auch die Erde wie von selbst dreht. Ünsal Icöz baut Maschinen mit ineinandergreifenden Holzrädern und -scheiben, die an solche Überlegungen erinnern.

Ist Wissenschaft ein Ausweg? Anja Saran hat eine wundervoll poetische Arbeit geschaffen. Sie hat den Prototyp einer Maschine konstruiert, die DNA in Musik umsetzt. Aus Röntgenbildern als Trägern von DNA-Sequenzen hat sie, ähnlich wie bei Lochmustern einer Spieluhr, Klänge generiert: Den vier organischen Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin, abgekürzt A, T, G und C, hat sie die Noten A, E, G und C zugeordnet. So hört man die DNA des Menschen oder des Darmbakteriums Escherichia coli in verschiedenen Sequenzen, aber gleichen Tönen. „Alles Leben besteht aus gleichen Bestandteilen“, sagt Saran, die nach dem Examen nach Schweden gezogen ist. Ihre Arbeit fragt, wie man die entschlüsselte DNA nutzen soll und was sich damit anfangen lässt.

Bis 22.7., Mönchebergstr. 19, Fr 11-16, Sa/So 14-18 Uhr.

Von Mark-Christian von Busse

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