So klingen Volkslieder heute: Edgar Knechts neues Album

Werden international gefeiert: Der Kasseler Pianist Edgar Knecht (von links) mit den beiden Schlagzeugern Tobias Schulte und Stephan Emig sowie Bassist Rolf Denecke. Foto: Klinger

Ohne den Habichtswald würde das neue Album von Edgar Knecht vermutlich ganz anders klingen. Mehrere Tage mietete der Kasseler Jazz-Pianist ein Zimmer im Bergcafé auf dem Dörnberg, um neue Lieder zu schreiben.

Zwischendurch ging er spazieren, und manchmal war es tatsächlich so, wie man sich das romantische Bild des Komponisten vorstellt: Die Melodien flogen ihm einfach so zu. „Die Natur ist für mich eine unverzichtbare Inspirationsquelle“, sagt Knecht, der sich nicht nur von heimischen Wäldern, sondern auch in Norditalien inspirieren ließ. Vielleicht klingt das neue Album „Dance On Deep Waters“ deshalb so natürlich, so als gehörten deutsche Volkslieder, Jazz und Weltmusik zusammen.

Schon auf zwei vorangegangenen CDs hatte der 49-Jährige deutsches Liedgut auf faszinierende Weise modernisiert. In den Dimensionen des Jazz waren die Aufnahmen ein Hit. Knecht wurde bei internationalen Festivals gefeiert. Auch „Dance On Deep Waters“ dürfte ein Erfolg werden: In den Jazz-Charts von „World of Music“ rangiert das Album hinter Keith Jarrett und dem Tingvall Trio auf Platz drei.

Diesmal hat sich Knecht ausschließlich Lieder der Romantik vorgenommen. „Schwesterlein, wann gehn wir nach Haus“ wurde schon von Johannes Brahms bearbeitet. Ein Brüderlein wartet darin auf sein tanzendes Schwesterlein, das seine Ruhe erst im Grab findet. Knecht lässt die Zuhörer seiner achteinhalbminütigen Komposition zu freudestrahlenden Harmonien tanzen, ehe der dumpfe Basston das düstere Ende erahnen lässt. Es ist ein Tanz am Abgrund.

Mit musikalischer Vielfalt zeigt er die „große poetische Tiefe“ der Romantik. Das auf dem Dörnberg entstandene „Frühling“ ist ein rasantes Bebop-Stück, ehe das „Wiegenlied“, das Schlaflied seiner Tochter, das Album sanft beschließt. Und mit „Gedankenfreiheit“ (frei nach „Die Gedanken sind frei“) betont Knecht das „große humanistische Erbe“ der Volkslieder, die erst von den Nazis missbraucht wurden und dann von den Deutschen lange Zeit in der Schublade gelassen wurden.

Mittlerweile entdecken viele Künstler die alten Stücke wieder. Knechts Interpretationen sind trotzdem einzigartig, weil er sie nicht nur modernisiert, sondern auch einem internationalen Publikum zugänglich macht. Man hört, dass er mit den alten Liedern aufgewachsen ist - damals im Sauerland.

Mit den Kasseler Musikern Rolf Denecke (Bass) und Tobias Schulte (Schlagzeug) sowie dem in Hannover lebenden Triosence-Drummer Stephan Emig hat Knecht ein eingespieltes Quartett. Schulte ist dabei die Entdeckung. Früher war er Emigs Schüler, dann sprang er für ihn als Ersatz ein. Mittlerweile sind beide gleichberechtigt, auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal der Formation.

Für das CD-Cover hat der Naturfreund Knecht übrigens das Foto eines Kranichs ausgewählt, der auf dem Wasser tanzt. Mit „Dance On Deep Waters“ ist es ein Erlebnis, in die Vergangenheit einzutauchen.

Edgar Knecht: Dance On Deep Waters (Ozella Music). Wertung: fünf von fünf Sternen

Edgard Knecht spielt mit seinem Quartett am 23. August im Kulturzelt Kassel. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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