Frédéric Chopin, der Genius des Klavierspiels, wurde vor 200 Jahren geboren

Klingende Edelsteine

Das Wetter war schlecht, die Wohnung kalt und feucht. Statt Linderung für seine Atemwege zu erlangen, bekam Frédéric Chopin im Winter 1838 auf Mallorca, wohin er mit der Schriftstellerin George Sand und deren Kindern gereist war, eine Lungenentzündung.

Trotz dieser widrigen Umstände vollendete Chopin auf Mallorca seinen wichtigsten Klavierzyklus: die 24 Préludes op. 28 über alle Tonarten. Das kürzeste Stück, nur wenige Sekunden lang, Nr. 7 in A-Dur, enthält in 21 Takten alles, was zum Thema „Mazurka“ zu sagen ist - jenem polnischen Tanz, den der nationalbewusste Chopin als Klavierstück zur Höhe geführt hat.

Das Prélude Nr. 8 in fis-Moll ist der Inbegriff eines rauschhaften Virtuosenstücks. An ihm lässt sich ermessen, warum das Klavierspiel zu den anspruchsvollsten psychomotorischen Leistungen gehört, zu denen Menschen fähig sind.

Ein Konzertvideo von Evgeny Kissin finden Sie hier: Video

Am bekanntesten aus dieser Sammlung ist aber die Nr. 15 in Des--Dur, das sogenannte Regentropfen-Prélude. Wegen der leise pochenden Begleit-Achtel will die Legende wissen, dass Chopin durch den mallorquinischen Regen dazu inspiriert wurde.

Abgesehen davon, dass Chopin in jener Phase eher von Halluzinationen geplagt war, gehört es zu den Geheimnissen seiner Kunst, dass wir fast nichts über die Quellen seiner Inspiration wissen. Bei Chopin lassen sich keine Verbindungen zwischen seiner jeweiligen Lebenssituation und seinen Kompositionen ziehen.

Die Werke, entweder Einzelstücke oder in kleine Werkgruppen zusammengefasst, die Nocturnes, Walzer, Mazurken und Polonaisen liegen vor uns als funkelnde Edelsteine, die nichts von dem Material ahnen lassen, aus dem sie komprimiert wurden. Nur wenige größere Werkzyklen hat Chopin komponiert: Neben den Préludes je zwölf Etüden op. 10 (seinem Freund Franz Liszt gewidmet) und op. 25. Die Bezeichnung Etüde erhält hier eine neue Bedeutung. Was einst technische Übungsstücke waren, sind hier brillante, ausdrucksstarke Konzertstücke - eine Neuerung, die Komponisten wie Liszt, Debussy und Skrjabin übernahmen.

Nur wenige Werke Chopins schließen andere Instrumente als das Klavier ein. Auch der Orchesterpart seiner beiden Klavierkonzerte ist nicht sehr anspruchsvoll. Chopin war ein Mann des Klaviers - und wie kein zweiter hat er die Eigenschaften und Möglichkeiten dieses Instruments ausgelotet. Dabei scheint das vor 200 Jahren geborene Genie kein bisschen zu altern.

Nach wie vor gehört Chopin zu den meistgespielten Komponisten, seine Musik verkauft sich bestens (siehe Artikel unten). Ihr Geheimnis: Sie spricht ganz unmittelbar das Gefühl an. Sehnsucht, Leidenschaft und spielerische Brillanz verbinden sich in seinen Stücken. Dass sie für die noblen Pariser und Londoner Salons bestimmt waren, wurde gelegentlich abschätzig vermerkt.

Übersehen wurde dabei, wie akribisch Chopin an seinen Kompositionen arbeitete - ein Perfektionist der kleinen wie der großen Form. In diesem Jahr wird Chopin weltweit gefeiert - aber nirgenwo intesiver als in Warschau. Ein neues Chopin-Museum wird eröffnet, und zwischen dem 22. Februar und dem 1. März, seinen beiden möglichen Geburtstagen, spielen mehrere hundert Pianisten Tag und Nacht Chopins Musik.

Von Werner Fritsch

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