Fenster-Bilder von Duchamp bis Richter sind in Düsseldorf ausgestellt

Klirrende Scheiben

Was verbirgt sich hinter der für uns sichtbaren Welt? René Magrittes „Das Fernglas“ („La lunette d’approche“, 1963). Fotos: Kunstsammlung NRW

Düsseldorf. Der italienische Künstler Leon Battista Alberti schrieb 1435, dass der Blick durch ein Fenster dem auf ein Bild gleiche. Beide präsentieren die Sicht auf einen Wirklichkeitsausschnitt. In den letzten 100 Jahren aber verweigerten die von Künstlern geschaffenen Fenster-Bilder häufig den Blick auf die Welt, „um einer neuen Bild-Wirklichkeit Raum zu geben“, wie Maria Müller-Schareck sagt.

Sie ist Kuratorin der mit attraktiven Werken bestückten Schau „Fenster-Bilder“ in Düsseldorfs Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Die 100 aufgebotenen Werke stammen von 18 internationalen Künstlern.

Mit großen Worten pries Robert Delaunay seine von 1912 bis 1913 geschaffene Serie der Fenster-Bilder an: „Das sind Fenster auf eine neue Realität.“ Ausgestellt sind vier Gemälde. Ihre von der Wirklichkeitsdarstellung losgelöste Bildrealität besteht aus leuchtenden Farbfacetten. Gegenständliche Formen wie der zur grünen Erscheinung gewordene Eiffelturm sind nur erahnbar.

Der Titel von Marcel Duchamps Modell (1920/1964) eines „Französischen Fensters“ ist ein Wortspiel. Die englische Bezeichnung des Fenstertyps lautet „French Window“. Daraus hat er „Fresh Widow“ gemacht, was „Frische Witwe“ bedeutet. Nach der aber hält man durch Duchamps Fenster vergebens Ausschau. Denn die Scheiben sind mit schwarzem Leder abgeklebt. Darin sieht man sich nur selbst gespiegelt.

Mit konventionell gegenständlicher Malerei schuf René Magritte verblüffende Bildvisionen. Sein Gemälde „Das Fernglas“ (1963) zeigt ein Fenster, durch das man aufs bewölkte Meer blickt. Doch der rechte Fensterflügel ist einen Spalt breit geöffnet - und bietet die Aussicht auf das schwarze Nichts. Mit dem Gemälde fragt Magritte also danach, was sich hinter der für uns sichtbaren Welt verbirgt.

Gerhard Richter wartet mit „7 Stehende Scheiben“ (2002) auf. Sie sind mit Abstand zueinander aufgereiht. Wer davor- steht, sieht sein Spiegelbild, überlagert von den auf den Scheiben sichtbaren Reflexen des fragmentarischen Umraums. Matte Unschärfe kennzeichnet die Spiegelungen. Wirklichkeit hat für Richter etwas mit Unsicherheit zu tun.

Eine befreiende und erheiternde Wirkung hat Jochem Hendricks Videoarbeit „Front Windows“ (2008-2009). Auf eine Wand ist das Standbild der Außenansicht eines Hauses projiziert. Am Anfang sind dessen 200 Glasscheiben unversehrt. Plötzlich zerklirrt die erste Scheibe, aus dem Haus heraus mit einem Stein eingeworfen. Bald geht irgendwo das nächste Glas zu Bruch. Das entwickelt sich zum Ratespiel: Welche Scheibe ist als nächste fällig? Man selbst macht nichts kaputt - und empfindet doch die reinste Zerstörungsfreude.

Bis 12. August, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Grabbeplatz, Düsseldorf. Kontakt: 0211/8381204, www.kunstsammlung.de. Eintritt: 12 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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