Ein kluger Essayband erklärt Philosophie des Radfahrens

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Göttlicher Inbegriff von Nachhaltigkeit: Bei Critical-Mass-Demonstrationen wie hier in Budapest preisen Radfahrer den unmotorisierten Individualverkehr. Auch um eine Alternative zur Automobilkultur geht es in dem Buch „Die Philosophie des Radfahrens“.

Als der isländische Philosophie-Professor Robert H. Haraldsson zum ersten Mal mit dem Rad zur Arbeit an die Universität in Reykjavik kam, erklärten ihn seine Kollegen in der Mittagspause für verrückt.

Die Insel knapp südlich des Polarkreises mit viel Wind und Regen, kaum Radwegen und langen Wintern gilt nicht gerade als Paradies für Radfahrer.

Haraldsson fuhr trotzdem jeden Tag, stellte fest, dass es öfter trocken als nass ist und dass es auch in der vom Auto dominierten Metropole Reykjavik ruhige Strecken gibt. Er hatte eine Lektion gelernt, die schon Denker wie Sokrates und Henry David Thoreau empfohlen hatten: „Glaube nicht, was die anderen sagen, probiere es selbst aus.“

Haraldsson und die anderen Autoren des vergnüglichen Sammelbandes „Die Philosophie des Radfahrens“ machen Lust, sich auf den Sattel zu setzen, und stehen damit in einer langen philosophischen Tradition. Schon Friedrich Nietzsche wollte „keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern“.

In dem Buch treten Philosophieprofessoren und Sportjournalisten auf dem Papier in die Pedale, um in 15 Texten die ganze Welt des Radfahrens zu entdecken. Sie erörtern, warum die Radsporthelden der Tour de France in einem Gefangenendilemma stecken und weshalb Doping verboten bleiben muss; sie erklären den Erfolg der Critical-Mass-Bewegung, bei der sich weltweit Radler zu spontanen Demos treffen; und sie preisen das Fahrrad als „fast göttlichen Inbegriff von Nachhaltigkeit“, der wichtig ist für die Neuordnung von Städten.

Meist lassen sich die Texte leicht und locker lesen - so als hätte man beim Fahren Rückenwind. Manchmal nervt die wissenschaftliche Überhöhung trotzdem. Denn manche halten es doch mit dem aus Baunatal stammenden Schriftsteller Matthias Altenburg. Der Bestsellerautor und Hobby-Radrennfahrer kommt in dem Buch nicht vor, bekennt aber: „Als eher vergrübelter Mensch versuche ich, das Denken auf dem Rad zu vermeiden.“

J. Ilundáin-Agurruza, M. W. Austin, P. Reichenbach (Herausgeber): Die Philosophie des Radfahrens. Mairisch Verlag, 208 S., 18,90 Euro. Wertung: Vier von fünf Sternben

Von Matthias Lohr

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