Premiere auf der Studiobühne Tif

Knorr inszeniert eigene Bühnenfassung von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas"

Hintergrund voller Schriftstücke: von links: Jürgen Wink, Enrique Keil, Michaela Klamminger und Christian Ehrich.

Kassel. Janis Knorr inszeniert eine eigene Bühnenfassung von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas". Die Premiere fand auf der auf der Studiobühne des Tif statt.

Eine Stunde und 15 Minuten. In dieser kurzen Zeitspanne entfaltet sich die tragische Geschichte des Rosshändlers Michael Kohlhaas, die am Freitag Premiere auf der Studiobühne Tif am Kasseler Staatstheater hatte. Heinrichs von Kleists 1810 erschienene Novelle ist eine über 100 Seiten lange und ungeheuer kunstvoll gewebte Textfläche mit mäandernden Satzkaskaden voller Einschübe und Abschweifungen. Janis Knorr, der auch für die freundlich aufgenommene Inszenierung verantwortlich zeichnet, und Petra Schiller (Dramaturgie) haben den anspruchsvollen Text auf seine Quintessenz zurechtgestutzt, ohne der Versuchung nachgegeben zu haben, ihn auf Gegenwart zu trimmen.

In ihrem Kammerspiel bleibt die kunstvolle, altertümlich anmutende Sprache Kleists sperrig und unbequem. Man muss sehr aufmerksam sein, um dem sich entfaltenden Drama um Recht, Gerechtigkeit, Selbstjustiz, Verbrechen und Strafe zu folgen. Vier Personen agieren in einem Bühnenraum, der sparsam mit Andeutungen arbeitet: angeheftete Zetteln vor Kopf, die quasi als Verweis auf den Text selbst, aber auch auf Schriftstücke wie Proklamationen, Briefe oder Mandate eine große Rolle spielen. Tisch und Stühle sowie einige Waffen sind noch die auffälligsten Requisiten. Mehr braucht es ohnehin nicht. Auch hier Konzentration auf das Allernötigste (Bühne und Kostüme: Michael Lindner).

Enrique Keil ist Michael Kohlhaas und er spielt ihn eher nicht als die widersprüchliche Figur, die er ja ist, also zwischen persönlich erlittenem Unrecht und weit über das Ziel hinausschießender Mordbrennerei zerrissen, sondern als einen Sympathieträger, der im Schlussbild einer klassischen Pietà seine Apotheose findet. Die anderen Akteure verkörpern Haupt- und Nebenfiguren gleichermaßen, schlüpfen zudem in die Rolle des Erzählers und agieren dabei durchweg sparsam, stets den Textkörper und nicht die Aktion in den Mittelpunkt rückend: Michaela Klamminger ist Liesbeth, Kohlhaas’ Frau, die tragisch ums Leben kommt. Christian Ehrich ist Herse, Kohlhaas’ Großknecht. Wie dieser tritt Jürgen Wink als Martin Luther in kurzen Hosen auf und trägt Gummistiefel. Aber warum stecken beide in Klamotten, die sie wie Billigurlauber aussehen lassen? So etwas muss nicht sein. Oder wollte man mit dieser Alltagskleidung die Zeitlosigkeit und Aktualität des Stoffes optisch untermalen?

Dass der Konflikt zwischen individueller Freiheit und Rechtsempfinden hier und staatlicher Willkür, Bürokratie sowie dem Machtmonopol des Staats dort, aktuell ist, steht außer Frage. Befriedigende Antworten bieten allerdings weder Kleists Vorlage noch die Bühnenadaption. In beiden Fällen wird Stoff für kontroverse Diskussionen geboten. Und noch etwas: Die Inszenierung macht in ihrer Prägnanz im besten Falle neugierig auf mehr Kleist. Lest den vollständigen Kohlhaas, lautet der Vorschlag.

Von Andreas Gebhardt

Wieder am 15., 22., 28.9., www.staatstheater-kassel.de

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