John Irving erzählt in seinem neuen Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ von Liebe und Verlust

Der Koch, sein Sohn, die Flucht

Hier beginnt die verwickelte Geschichte: Beim gefährlichen Flößen von Baumstämmen im Norden Amerikas in den 50er-Jahren. Fotos:  dpa

Wie schwer ist es zu ertragen, den geliebten Menschen loszulassen? Die Leute in dem chinesischen Restaurant, wo der italienische Koch Dominic Baciagalupo arbeitet, haben dafür einen eigenen Begriff. Ob der nun tatsächlich chinesisch ist, weiß Dominic nicht. Aber „She bu de“ fräst sich in seinen Kopf wie eine Kreissäge, wenn Verlust droht.

Und da dieser Koch eine der Hauptfiguren aus John Irvings neuem Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ ist, wissen geneigte Leser, dass es hier viele Verluste geben wird. Vom Trauern und Loslassen handelt der Roman, und auch ein wenig vom Hoffen und Finden. Und selbst wenn es auf 730 Seiten einige Längen gibt, wenn einige Handlungsschlenker, einige Zeitschachtelungen verlustfrei hätten gekürzt werden können, hat US_Schriftsteller Irving wieder ein sinnliches, pralles Stück Literatur geschrieben. So mitreißend wie der Androscoggin River in New Hampshire. In Coos County, in den großen Wäldern, bei den Flüssen mit ihren indianischen Namen, da beginnt die Geschichte vom kleinen Daniel und seinem Vater Dominic, der für die Holzarbeiter Bohnen und Arme Ritter brät. Damals, in den 50er-Jahren.

Schon im ersten Absatz des Romans stirbt ein unerfahrener Flößer, wird unter die treibenden Stämme im Fluss gerissen und kommt erst tot wieder nach oben. An der Stelle, wo auch Dominics Frau, Daniels Mutter, einst ums Leben gekommen ist. Nahe des Damms, beim Tanzen mit Dominic und dem Holzfäller Ketchum auf schwarzem Eis. Und welche Rolle damals das Nicht-Festhalten-Können gespielt hat, ist ein Geheimnis, das sich Daniel erst am Ende des Romans enthüllt.

Ein paar Jahre später ertappt der Junge seinen Vater mit Indianer-Jane im Bett. Weil er die massige, langhaarige Frau für einen Bären hält und mit der gusseisernen Bratpfanne erschlägt, müssen Dominic und Daniel vor dem wütenden Hilfspolizisten flüchten. Diese Flucht dauert ein ganzes Leben. Die beiden besiedeln neue Orte, geben sich neue Namen, eröffnen immer neue italienische Restaurants.

Ein Leitthema des Buches ist also die Frage nach Identität: Was macht den Menschen aus? Die Narben sind es, die das Leid in seine Seele schreibt. Daniel wird ein berühmter Schriftsteller, sein Werdegang weist eine Reihe von (etwas selbstverliebten) Parallelen zu John Irvings eigenem Leben auf (Ausbildung, Lehrer, Romanerfolge). Über Jahrzehnte erleben wir ihn, seinen Vater und den geheimnisvollen Ketchum. Liebevoll gezeichnete Frauen begleiten die Charaktere, führen in tiefe Verästelungen des Schmerzensreichs aus Liebe und Tod.

Dass es dabei immer absurd-komisch zugeht (selbst bei den Todesfällen) und manchmal gar ins Märchenhafte abdriftet, ist typisch für Irvings Stil. Und dass das Ende im gleißend weißen Winter in der Wildnis auch einen Schimmer Hoffnung und überraschend warme, nackte Haut zum Anschmiegen bereithält, versöhnt zusätzlich.

Zudem porträtiert Irving die untergegangene Welt der Holzarbeiter in den großen Wäldern und der italienischen Einwanderer Bostons. Und spätestens als sich der Kreis rundet, als Daniel anhebt, just die Geschichte aufzuschreiben, deren erster Satz auch Irvings erster Satz ist, wird klar, dass der Roman auch das Geschichtenerzählen feiert. Das Leben, das sind die Geschichten, die wir darüber erzählen.

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River, Diogenes, 730 S., 26,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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